Menschen mit Masken sind auf einer Straße in Seoul unterwegs | Bildquelle: dpa

Pandemie-Bekämpfung Das asiatische Vorbild

Stand: 02.11.2020 14:43 Uhr

Während die Corona-Infektionen in Europa rapide ansteigen, sieht es in Teilen Asiens völlig anders aus - und das, obwohl es die am dichtesten besiedelte Region der Welt ist. Was wird dort anders gemacht?

Von Andrej Reisin, Redaktion ARD-faktenfinder

Das neuartige Coronavirus hat Deutschland und Europa erneut fest im Griff: Die Zahlen explodieren, ein (Teil-)Lockdown reiht sich an den nächsten. Ganz anders sieht es in asiatischen Industrienationen aus. Obwohl diese Länder extrem dicht besiedelt sind und über riesige Metropolen verfügen, konnte sich das Virus dort in den vergangenen Monaten nicht stärker ausbreiten.

Doch während Chinas Maßnahmen zum Teil kaum mit europäischen Menschenrechtskonventionen vereinbar wären, sind Japan, Südkorea, Singapur und Taiwan Demokratien - wenn auch mit teilweise anderen Vorstellungen von individuellen Freiheitsrechten. Sie gingen weniger autoritär vor, waren aber dennoch weitaus erfolgreicher als Europa. Auch Australien und Neuseeland stehen heute viel besser da.

Eine der wichtigsten Strategien war in allen Ländern schnelles und umfangreiches Testen in einfach zugänglichen Testzentren, die teilweise mit dem Auto durchfahren werden konnten. Die Tests waren kostenlos; die Ergebnisse wurden innerhalb von 24 Stunden übermittelt und die Betroffenen sofort in Quarantäne geschickt. Dennoch brauchten Japan und Südkorea insgesamt deutlich weniger Tests pro 100.000 Einwohner - offenbar weil es viel besser gelang, die Infizierten und ihre Kontakte gezielt zu ermitteln.

Cluster-Nachverfolgung effektiver?

Der Virologe Christian Drosten hat im NDR Podcast in diesem Zusammenhang unter anderem auf die Effektivität der japanische Cluster-Strategie hingewiesen: Neben der klassischen Nachverfolgung der Kontakte einer infizierten Person sei dort "mit höchster Priorität" danach gefragt worden, wo ein Patient selbst glaube, sich infiziert zu haben. Dann seien "typische Sozialsituationen" abgefragt worden, in Japan "zum Beispiel Karaoke-Bars" - in Deutschland hätte man jahreszeitbedingt aber auch nach dem Karneval oder "einem Volkshochschulkurs" fragen können. Eigentlich sei eine solche Cluster-Nachverfolgung auch in Deutschland durch die Gesundheitsämter vorgesehen, doch es sei eben "eine Frage der Gewichtung und ob man das alles schaffen kann".

Als Japan im Sommer kurzfristig vor einem größeren Ausbruch stand, gelang es durch gezielte Konzentration auf Superspreader-Events die Neuinfektionen schnell wieder zu begrenzen. Seitdem hat das Land kontinuierlich weniger als 1000 neue Ansteckungen pro Tag. In Südkorea sind es sogar unter 100 am Tag, in Taiwan keine zwei. Umgerechnet auf die Gesamtbevölkerung entspricht dies bis zu fast 2300 Mal weniger Fällen als derzeit in Deutschland.

Aus Pandemie-Erfahrung gelernt

Insgesamt war Asien durch den Ausbruch von SARS 2002/3 und MERS 2015 sich der Gefahr einer Epidemie durch ein neuartiges Corona- oder anderes Virus sehr viel bewusster. Taiwan zum Beispiel hatte Masken und medizinisches Material eingelagert. Zudem wurden bereits Ende Januar knapp zwei Millionen Masken am Tag produziert, im April waren es dann fast 20 Millionen pro Tag. Währenddessen stritt man in Deutschland noch grundlegend über die Sinnhaftigkeit von Masken - und musste die knappe Ressource für medizinisches Personal vorhalten. Händeringend wurden Masken schließlich aus China und anderen Ländern geordert.

Auch kulturelle Faktoren haben in den asiatischen Ländern zumindest eine Rolle gespielt. Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ist dort auch in Nicht-Pandemie-Zeiten viel verbreiteter, zum Teil aus Höflichkeit, um andere vor Ansteckung zu bewahren, in großen Metropolen zum Teil auch, um sich selbst vor der hohen Luftverschmutzung zu schützen. Vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln tragen viele Menschen in China, Japan und Südkorea schon lange Maske. Zudem gelten lautes Reden und Telefonieren als deutlich unhöflicher als in Europa.

Teilweise profitierten die Länder von ihrer Insellage und systematischer Abriegelung: Australien ist ein eigener Kontinent, Neuseeland, Japan und Taiwan sind Inseln, Südkorea durch die undurchlässige Grenze zum Norden de facto auch.

Hat Europa Zeit vergeudet?

Die australische Epidemiologin Zoë Hyde von der Universität von Westaustralien in Perth sagte auf Anfrage von tagesschau.de: "Die Länder, die die Pandemie zutreffend als größte Gefahr für die Bevölkerung überhaupt erkannt und entsprechend reagiert haben, haben sie bislang auch am besten im Griff. Sie haben erkannt, dass eine weitgehende Unterdrückung die beste Strategie für öffentliche Gesundheit und die Wirtschaft gleichermaßen ist. Viele asiatischen Länder haben nach der SARS-Krise massiv in ihre Gesundheitssystem und die Pandemievorsorge investiert. Sie wussten, dass sie am Anfang der Pandemie schnell reagieren müssen und waren auf eine lange und andauernde Antwort vorbereitet."

Die deutschen und europäischen Reaktionen bewertet sie dagegen kritischer: "Die Pandemie verlangt eine nachhaltige Antwort. Die Frühjahrs-Lockdowns in Europa waren ein effektives, wenngleich plumpes Mittel, um das Virus schnell zu unterdrücken." Die Zeit, die man sich damit erkaufte, sei jedoch "weitgehend verschleudert" worden. So hätte die Zeit genutzt werden müssen, um die Test- und Kontakverfolgungs-Infrastruktur deutlich besser aufzustellen.

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