Mikis Theodorakis | dpa

Trauer um Mikis Theodorakis Ein großer Grieche

Stand: 02.09.2021 13:19 Uhr

Die Musik zum Film "Alexis Sorbas" machte ihn weltberühmt: Der Komponist Mikis Theodorakis ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Doch für viele Griechen war er viel mehr - er war die "Stimme des Volkes".

Von Ulrich Pick, SWR

Es dürfte schwer fallen, unter den Ernst zu nehmenden zeitgenössischen Komponisten einen anderen zu finden, der ein ähnlich umfangreiches und breites Spektrum vorweisen kann wie er. Mikis Theodorakis hat Sinfonien, Orantioren und Ballette komponiert, Kammermusik und Liederzyklen geschrieben sowie Film- und Theatermusik verfasst.

Ulrich Pick

Der "Blues der Griechen"

Er gilt zudem als derjenige, der den Rembetiko, den sogenannten "Blues der Griechen", über die Grenzen das Landes hinaus publik machte und als Erfinder eines Tanzes, von dem die Mitteleuropäer glauben, er sei schon immer das Zeichen für griechische Lebenskunst gewesen, obgleich es ihn zuvor nie gegeben hat - den Sirtaki.

Geschrieben hat Theodorakis die Musik für die Verfilmung von "Alexis Sorbas", jenen Roman von Nikos Kazantzakis, dessen Hauptfigur auf der Leinwand Anthony Quinn unvergesslich gemacht hat. Das Stück wurde nach und nach so etwas wie die heimliche Nationalhymne Griechenlands vor allem während der Militärdiktatur von 1967 bis 1974 - womit wir bei einer anderen Seite des 1,90 Meter großen Mannes sind, der 1925 auf der Insel Chios vor der türkischen Küste geboren wurde.

Mikis Theodorakis dirigiert am 20. Mai 2001 vor der Akropolis von Athen. | EPA

Mikis Theodorakis dirigiert 2001 vor der Akropolis von Athen. Der Komponist starb nun im Alter von 96 Jahren. Bild: EPA

Gewissen stand für "Mikis" über Dogmen

Theodorakis, der in seiner Heimat eigentlich nur "Mikis" genannt wird, hat sich nämlich Zeit seines Leben politisch engagiert und das mit Haut und Haar. Er schloss sich dem Widerstand gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg an, was er mit Haft und Folter bezahlte, und kämpfte im anschließenden Bürgerkrieg auf Seiten der Kommunisten, für die er kurz darauf auch im griechischen Parlament saß.

Linientreuer Linker war er allerdings nicht. Denn er stellte das Gewissen stets über das Dogma, was sich später in seltsamen Kuriositäten wiederspielte. So wurde er zwar in Moskau mit dem Lenin-Preis geehrt. Seine Werke aber durften in der Sowjetunion der 1970er-, und 1980er-Jahre nicht gespielt werden.

Festnahme als Widerstandskämpfer

Auch als 1967 die Obristen putschten, ging Theodorakis in den Widerstand. Er wurde festgenommen, seine Lieder verboten und 1970 nach Frankreich abgeschoben. Im Rückblick auf diese Zeit schwang bei ihm noch lange eine gewisse Bitterkeit mit:

Mich ärgert immer noch die Abwesenheit prominenter Griechen. Diese hätten sich den Putschisten in den Weg stellen und sagen sollen: Im Namen des Volkes: 'Nein' . Das aber blieb aus. Ich Verrückter aber habe die erste Widerstandsorganisation gegründet, wurde festgenommen und mit meiner Familie sechs Monate lang ins Exil ins Dorf Zatuna geschickt.

Obgleich Theodorakis überall als eine Art Vorzeige-Kommunist galt - er gab übrigens auch Konzerte in der DDR – hielt ihn dieses Image nicht davon ab, sich nach der Diktatur für die Sozialdemokraten, ja, sogar für die konservative Nea Dimokratia zu engagieren, unter deren Regierungschef Konstantinos Mitsotakis er sogar Anfang der 90er-Jahre ein Ministeramt bekleidete.

"Ich habe politisch nie gesündigt"

Dass er deshalb ein Wedehals gewesen sei, wie einige eher rechts stehende ausländische Kritiker meinten, dürfte ebenso wenig stimmen wie die Behauptung orthodoxer Linker, "Mikis" habe sein Eintreten für Konservativen später bereut und als Irrtum bezeichnet. Einen Opportunisten hat man Theodorakis jedenfalls im heimischen Griechenland zumindest nie genannt. Zudem kennzeichnete ihn selbst in dieser Frage eine ausgesprochene Gelassenheit:

Ich habe politisch nie gesündigt oder den falschen Weg genommen. Ich habe immer das gemacht, von dem ich annahm, dass es für mein Land richtig war. Ich war immer ein Beispiel des guten Kommunisten, wo immer ich mich politisch engagiert habe.
Mikis Theodorakis spricht am 21. Mai 2011 bei einer Protestkundgebung gegen eines neues Sparpaket der Regierung vor der Uni in Athen. | REUTERS

Auch politisch engagiert: Theodorakis 2011 bei einer Protestkundgebung gegen eines neues Sparpaket der Regierung vor der Uni in Athen. Bild: REUTERS

Der Abgang von der Bühne fiel ihm schwer

Bis sich die "Stimme des Volkes", wie Theodorakis auch genannt wurde, aus der Öffentlichkeit verabschiedete, dauerte es lange. Sein wirklich letztes Konzert gab er im Athener Herodion-Amphitheater im September 2007, wobei zuvor etliche andere Konzerte als die jeweils letzten angekündigt worden waren: Dem Meister fiel der Abgang von der Bühne sichtlich schwer. Wenn auch das legendäre Rudern seiner Arme am Dirigentenpult nun endgültig der Vergangenheit angehört, ist es nicht ausgeschlossen, dass auch nach seinem Tod Konzerte zu seine Ehren gegeben werden.

Zu seinem Tod ordnete die griechische Regierung nun eine dreitägige Staatstrauer an.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. September 2021 um 12:00 Uhr.