Objekte des indonesischen Künstlers Agus Our Amal PMTOH auf der documenta fifteen. | AP

Eröffnung der documenta fifteen Kunst und Kritik in Kassel

Stand: 18.06.2022 13:54 Uhr

Die documenta gilt als eine der wichtigsten Ausstellungen für moderne Kunst. Zur Eröffnung gab es dieses Mal aber nicht nur lobende Worte: Bundespräsident Steinmeier kritisierte den Umgang mit Antisemitismusvorwürfen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bei der offiziellen Eröffnungsfeier der documenta fifteen die Verantwortlichen der Kunstschau für ihren Umgang mit Antisemitismus-Vorwürfen kritisiert. "Es fällt auf, wenn auf dieser bedeutenden Ausstellung zeitgenössischer Kunst wohl keine jüdischen Künstlerinnen oder Künstler aus Israel vertreten sind", sagte er. Er sei sich im Vorfeld nicht sicher gewesen, ob er überhaupt zu der Eröffnung nach Kassel kommen würde.

Dass sich Vertreter des "globalen Südens" vermehrt weigerten, gemeinsam mit jüdischen Israelis an Veranstaltungen oder Festivals teilzunehmen, empfinde er als verstörend.

"Die Freiheit der Meinung und die Freiheit der Kunst sind Wesenskern unserer Verfassung. Kritik an israelischer Politik ist erlaubt", so Steinmeier. "Doch wo Kritik an Israel umschlägt in die Infragestellung seiner Existenz, ist die Grenze überschritten."

Frank-Walter Steinmeier | dpa

Frank-Walter Steinmeier kritisierte das Fehlen jüdischer Israelis auf der documenta. Bild: dpa

"Austausch über Kulturräume hinweg"

Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein betonte bei der Eröffnung die Rolle als eine der weltweit bedeutendsten Kunstausstellungen. "Die documenta ist dabei auch eine Plattform kulturellen Austausches über verschiedene Kulturräume hinweg", sagte der CDU-Politiker in Kassel. In schwierigen politischen Zeiten biete sie oft eine erste Brücke, um Verbindungen aufzubauen, zu stärken und zu erweitern.

Leitbild des Lumbung

Die Ausstellung wird erstmals von einem Künstlerkollektiv aus Asien kuratiert - von der neunköpfigen Gruppe Ruangrupa aus Indonesien. Die Weltkunstausstellung soll nach ihren Vorstellungen verstärkt den Blick der Menschen in Asien, Afrika und Lateinamerika auf die Welt und ihre Probleme ins Zentrum rücken.

Dabei fühlen sich die Ausstellungsmacher der Philosophie des Lumbung verbunden, einer in Indonesien verbreiteten gemeinschaftlichen Scheune, in der die Ernte gesammelt wird und allen zur Verfügung steht. Im gemeinsamen Einbringen von Fähigkeiten und dem Teilen sieht die Ruangrupa den Kern ihres Ausstellungskonzepts.

Besucher der documenta fifteen stehen vor dem Fridericianum, dessen Säulen der rumänische Künstler Dan Perjovschi gestaltet hat. | dpa

Die documenta findet alle fünf Jahre statt. Bild: dpa

Streit um palästinensischen Beitrag

In den vergangenen Monaten hatte eine Diskussion über Israelfeindlichkeit gegeben. Der Antisemitismusvorwurf gründete sich darauf, dass einige der beteiligten palästinensischen Künstler die vom Bundestag als antisemitisch eingestufte internationale BDS-Kampagne unterstützen sollen, die zum Boykott gegen Israel aufruft.

Unter anderem der Kasseler Oberbürgermeister und documenta-Aufsichtsratsvorsitzende Christian Geselle hatte diese Vorwürfe zurückgewiesen. Der SPD-Politiker betonte, dass sich Ruangrupa klar gegen Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus, gewaltbereiten religiösen Fundamentalismus sowie jede Art von Diskriminierung positioniert hätten.

"Das Publikum erwartet eine sehr dynamische, interaktive, bunte, lebendige, fröhliche, aber auch nachdenkliche 'documenta fifteen'", so Geselle. Kassel sei eine weltoffene Stadt und freue sich über das besondere Flair während der kommenden 100 Tage.

1500 Künstlerinnen und Künstler beteiligt

Insgesamt sind nach Angaben der Veranstalter etwa 1500 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt an der Ausstellung beteiligt, die sich auf ungefähr 30 Standorte in der Stadt verteilt.

Die documenta gilt als eine der weltweit wichtigsten Ausstellungen für moderne Kunst und findet alle fünf Jahre statt. Sie geht auf eine Initiative des Kasseler Malers und Hochschullehrers Arnold Bode zurück, der 1955 die erste große Schau moderner Kunst in seiner Heimatstadt organisierte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Juni 2022 um 12:50 Uhr.