Der Aktionskünstler Hermann Nitsch | dpa

Im Alter von 83 Jahren Aktionskünstler Hermann Nitsch ist tot

Stand: 19.04.2022 15:52 Uhr

Hermann Nitsch machte intensive Kunst - seine Werkstoffe unter anderem: Blut, Eingeweide, Tierkadaver. Damit polarisierte der Aktionskünstler nicht nur in seinem Heimatland Österreich. Nun ist Nitsch im Alter von 83 Jahren gestorben.

Von Florian Haas, ARD-Studio Wien

"Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst, die niemand kann." Als hätte sich Hermann Nitsch, der Österreicher, dieses alte deutsche Sprichwort zum Vorbild genommen, hat er gleich gar nicht versucht, mit seiner Kunst jedem und jeder zu gefallen.

1938 in Wien geboren, der Vater fällt im Krieg, die Mutter kümmert sich alleine um den kleinen Hermann - der diesen Vornamen übrigens ein Leben lang nicht mag. Auch von Freunden wird er später oft mit "Nitsch" angesprochen. Was auch so durchaus gewollt war, wie der zu dieser Zeit längst schon populäre Künstler anlässlich seines 75. Geburtstages sagte: "Ich habe als 'Nitsch' was geleistet, und möchte auch gerne 'Nitsch' gerufen werden", so der Künstler er damals im ORF.

Geleistet hat er was, in der Tat. Der frühe Wunsch, Kirchenmaler zu werden, bleibt ein kurzer Wunsch; seine Arbeit als Gebrauchsgrafiker im Technischen Museum in Wien beendet er zugunsten der Provokation, des Neuen, des Tabubruchs: der Schüttbilder.

Blut, Eingeweide, Tierkadaver

Dabei schütten, wie der Name schon sagt, Nitsch und andere Vertreter des neuen Wiener Aktionismus Farbe - bei ihm ist es oft rote - direkt aus ihren Behältern in üppigen Mengen auf große Flächen. Doch sie gehen noch weiter, arbeiten auch mit Blut, Eingeweiden, Tierkadavern - Nitsch erhält mit der Zeit den Beinamen "Blutkünstler". Später wird er sagen: "Ich wollte eigentlich immer intensive Kunst machen, und intensive Kunst hat zu allen Zeiten provoziert - automatisch."

Hermann Nitsch | EPA

"Ich wollte eigentlich immer intensive Kunst machen, und intensive Kunst hat zu allen Zeiten provoziert - automatisch" - sagte der Künstler Hermann Nitsch einmal. Seine Werke - wie hier bei einer Ausstellung in Moskau - provozierten und polarisierten. Bild: EPA

Doch das schmeckt nicht allen. Nitsch wird in den 1960er-Jahren angefeindet, liegt gerade in jüngeren Jahren ständig im Clinch mit den Behörden, kommt vor Gericht, wird sogar inhaftiert, flüchtet 1968 nach Bayern. Der Erfolg zieht mit - beziehungsweise reist mit Nitsch um die Welt. Ein wichtiger Stopp: 1972 die Documenta in Kassel.

Viel Erfolg, viel Unverständnis

Einige Jahre später die Rückkehr nach Österreich, genauer nach Niederösterreich. Das Schloss Prinzendorf wird sein wichtigster Wohn- und Schaffensort. Große Ausstellungen, mehr Akzeptanz, 1984 der österreichische Kunstpreis für Bildende Kunst, seine ausdrucksstarken, oft anarchischen Bilder erzielen hohe Preise. Dennoch: Kritik, Proteste und Unverständnis bleiben Wegbegleiter. 1998 etwa, als er über sechs Tage lang sein Orgien-Mysterien-Theater inszeniert, Musik, Texte und Kunst zur großen Performance zusammenbringt. Es gibt Proteste und Forderungen, das Spektakel zu beenden.

Erst im vergangenen Jahr sorgt der Mann, der mit langem Bart, Hut und schwarzer Kleidung auch eine Ikone seiner selbst geschafft hat, mit einer umstrittenen Live-Mal-Aktion für Aufsehen - in Bayreuth, bei den Festspielen. Auf offener Bühne gestaltete er eine halbszenische "Walküre"-Aufführung. Ein Lebenstraum geht in Erfüllung, ein letztes Highlight. Zu einer für jüngst erst angekündigten Neuauflage des Sechs-Tage-Spiels in Prinzendorf wird es nicht kommen.

Friedlich eingeschlafen

Nitsch ist am Ostermontag im Alter von 83 Jahren gestorben. Er sei, und das ist nach diesem aufregenden Leben wirklich erwähnenswert, sehr friedlich eingeschlafen, erklärte seine Frau. Sein Werk werde weiterleben, teilte in einer ersten Reaktion Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen mit. Nitsch habe Österreich mit seiner Aktionskunst international positioniert und Kunstgeschichte geschrieben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. April 2022 um 12:00 Uhr.