Popstar Xavier Naidoo.

Kritik an der ESC-Nominierung des Sängers Wer hat Angst vor Xavier Naidoo?

Stand: 20.11.2015 01:18 Uhr

Xavier Naidoo soll Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten. An der Entscheidung gibt es massive Kritik: Der Sänger eckte immer wieder durch provokante Thesen an.

Von Wulf Rohwedder, tagesschau.de

Keine Frage, er ist beliebt: Der Vorzeige-Schmusesoulsänger Deutschlands, generationsübergreifender Hitlieferant, Star von Musik- und Castingshows, Interpret des inoffiziellen Songs zum Sommermärchen 2006. Da scheint es nur konsequent, dass Xavier Naidoo Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten soll.

Doch der Sänger hat auch eine andere Seite: Seit Jahren fällt er immer wieder durch verschwörungstheoretisch, homophob und als antisemitisch interpretierbare Aussagen auf. Darauf angesprochen reagiert er mit Ausflüchten und Dementis - oder fährt schwere juristische Geschütze auf.

Deutschland kein souveränes Land?

"Wir sind immer noch ein besetztes Land" - dieser Satz fiel im Oktober 2011 im ARD Morgenmagazin mitten in einem launigen Interview. Ein Ausrutscher? Nein, er meint das so: "Deutschland hat keinen Friedensvertrag - und dementsprechend ist Deutschland kein echtes Land", fügte er hinzu, bevor die Moderatoren schnell das Thema wechselten.

Xavier Naidoo spricht auf der "Reichsbürger"-Demo in Berlin (Youtube-Screenshot).
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Xavier Naidoo spricht auf der "Reichsbürger"-Demo in Berlin (Youtube-Screenshot).

Seitdem vertritt Naidoo diese These konsequent weiter, so auch in einer Rede, die er 2014, am Tag der Deutschen Einheit in Berlin hielt - bekleidet in einem T-Shirt mit der Aufschrift "Freiheit für Deutschland". Diese fand auf der Bühne von "Reichsbürgern" statt, die ebenfalls Deutschland die Souveränität ablehnen und oft Verbindungen in rechtsradikale Kreise haben. Im SWR verteidigte der Sänger seinen Auftritt: "Ich möchte auf Menschen zugehen. Auch zu 'Reichsbürgern'. Auch auf die NPD. Das ist mir alles Wurst."

Reichsbürger

Die rechtsextremistische Reichsideologie geht zurück bis in die Gründungszeit der Bundesrepublik Deutschland. "Reichsbürger" und ihre "Reichsregierungen" behaupten, die Bundesrepublik Deutschland sei illegal und existiere daher nicht. Oft bezeichnen sie die Bundesrepublik als "GmbH". Stattdessen bestünde das Deutsche Reich beispielsweise in den Grenzen von 1937 bis heute fort. Solche Einstellungen werden als "Revisionismus" bezeichnet. "Revisionismus" ist eine ideologische Klammer, die Rechtsextremisten verbindet.

Ziel der "Reichsbürger" ist die Delegitimierung der Bundesrepublik Deutschland und das Stiften von Verwirrung. So wollen sie einen gesellschaftlichen Resonanzboden für ihr rechtsextremistisches Gedankengut schaffen. Die Akteure sind teilweise sehr tief in der rechtsextremistischen Szene verankert. Volksverhetzende Äußerungen, Holocaust-Leugnung und Werbung für rechtsextremistische Parteien sind keine Seltenheit.

Quelle: Verfassungsschutz Brandenburg

Spiel mit antisemitischen Codes

Auch anderweitig bedient der Sänger mit indischen und afrikanischen Wurzeln eher randständige Positionen, wie der 2009 erschienene Song "Raus aus dem Reichstag" zeigt: "Wie die Jungs von der Keinherzbank, die mit unserer Kohle zocken. Ihr wart sehr, sehr böse, steht bepisst in euren Socken. Baron Tothschild gibt den Ton an und er scheißt auf euch Gockel. Der Schmock is’n Fuchs und ihr seid nur Trottel", heißt es darin.

Der jiddische Begriff des Schmocks bezeichnet einen arroganten, opportunistischen Juden, um die jüdische Bankiersfamilie Rothschild als angebliche Weltherrscher ranken sich viele antisemitische Verschwörungstheorien - wer die Codes kennt, versteht sie gut. Trotzdem verwahrte sich Naidoo juristisch gegen den Antisemitismus-Vorwurf, unter anderem gegen die Amadeu-Antonio-Stiftung, die schließlich aufgrund des Prozesskostenrisikos einem Vergleich zustimmte.

"Wo sind unsere Führer?"

Zusammen mit Kool Savas rappte Naidoo auf ihrem gemeinsamen Nummer-1- Album "Gespaltene Persönlichkeit:"Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann fick ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ich bin nur traurig und nicht wütend. Trotzdem würde ich euch töten. Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch euch die Klöten. Ihr habt einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?"

Wer das für homophob halte, würde ihn fehlinterpretieren, sagte Naidoo dazu in einem Statement - es gehe ihm um die Anprangerung von Ritualmorden, zudem bekunde er"Sympathie und unseren großen Respekt gegenüber allen Schwulen und Lesben weltweit".

"Xavier Naidoo steht seit Langem für Werte wie Frieden, Toleranz, Liebe."

Thomas Schreiber (Archivbild: NDR)
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ARD-Unterhaltungskoordinator Schreiber befürchtete, die Diskussion um Naidoo könne dem ESC ernsthaft schaden.

Der für den ESC zuständige ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber weist ebenfalls die Vorwürfe zurück: "Xavier Naidoo ist weder rechtspopulistisch noch homophob oder antisemitisch. Xavier ist als Kind selber massiv diskriminiert worden und hat Schläge bekommen, weil er keine weiße Hautfarbe hat. Er ist - so hat er mir erzählt - nur durch die Hilfe eines jüdischen Onkels überhaupt nach Deutschland gekommen. Seit Jahren setzt er sich für die deutsch-israelische Freundschaft ein, engagiert sich für Flüchtlinge (ohne jedes Mal darüber zu reden), arbeitet mit zahlreichen Menschen zusammen, die in den unterschiedlichsten Lebensentwürfen leben. Xavier Naidoo steht seit Langem für Werte wie Frieden, Toleranz, Liebe."

Erfolgreiche Grenzgänge

Naidoos Nachrichten kommen jedoch offenbar an: Der Sänger ist zum Star in der Verschwörungstheoretiker-Szene aufgestiegen. Seine bisherigen Fans scheinen ihm seine Ausflüge in obskure politische Gefilde oft nicht übel zu nehmen, dafür bringt ihm das Brechen angeblicher Tabus neue Fans und bindet sie an ihn - ein Phänomen, das man auch schon bei Bands wie Frei.Wild und den Böhsen Onkelz beobachten könnte. Es bleibt jedoch die Frage, wie lange ihm der Spagat zwischen musikalischen  Mainstream und provokativen Thesen gelingen wird.

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