Abdulrazak Gurnah | dpa

Literaturnobelpreis für Abdulrazak Gurnah Der unbekannte Preisträger

Stand: 08.10.2021 17:05 Uhr

Der Literaturnobelpreis für Abdulrazak Gurnah kam für viele überraschend. Der im heutigen Tansania geborene und in Großbritannien lebende Schriftsteller setzt sich in seinem Werk mit Migrationserfahrungen und Kolonialismus auseinander.

Von Jan Ehlert, NDR

Von Sansibar nach Dresden: Für Latif Mahmud, Protagonist in Abdulrazak Gurnahs Roman "Ferne Gestade" wird diese Reise Wirklichkeit. Mahmud musste fliehen vor der Diktatur auf Sansibar. Doch der Alltag in dem grauen Studentenwohnheim weckt in ihm schnell das Heimweh: "In Dresden-Neustadt vermisste ich meine Insel", schreibt Gurnah, "aber so sehr ich Ostdeutschland verlassen wollte, so wenig Hoffnung hatte ich, Sansibar je wiederzusehen."

Jan Ehlert

Von Sansibar nach Europa: Das ist auch Gurnahs eigene Geschichte. Geboren als Sohn eines jemenitisch-kenianischen Elternpaares wuchs er auf mit den Geschichten von den Kämpfen um Selbstbestimmung - eine Erfahrung, die er in seinem neuesten Roman "Afterlives" verarbeitet hat.

Schreiben auf Englisch

Als junger Mann verließ Gurnah die Insel, kurz nach deren Unabhängigkeit. Im englischen Kent fand er eine neue Heimat - und eine neue Sprache. Von Anfang an schrieb er nicht auf Suaheli, seiner Muttersprache, sondern auf Englisch. "Als ich zehn oder elf war, dachte ich nicht daran, Schriftsteller zu werden", sagte er in einem Interview. "Ich begann erst mit 20, als ich in England war und einige Probleme hatte. Und für mich war klar, dass Englisch die Sprache für mich war, denn es war die Sprache, in der ich Bücher gelesen habe."

Was das für Probleme gewesen sein können, davon erzählt Gurnah in "Schwarz auf Weiß", seinem zweiten Roman. Daoud, ein junger indischstämmiger Mann, flieht nach England. Doch dort, in einer Kleinstadt, begegnen ihm Rassismus und Ausgrenzung. Und er kann die Erfahrung des Kolonialismus nicht abstreifen. In jedem Engländer, der ihm begegnet, sieht er die ehemaligen Herren seines Herkunftslandes: "Das Grinsen des Alten war für ihn genau jenes Lächeln, das einst ein Weltreich erobert hatte. Das Lächeln eines Taschendiebs, voller Hintergedanken und nur darauf aus, das unschuldige Opfer abzulenken und zu besänftigen, während sich der Dieb über die Wertsachen hermachte." Erst als Daoud Catherine kennenlernt, eine junge Frau, die sich wirklich für ihn interessiert, beginnt er, sein Bild von England zu ändern und sich selbst ein neues Leben aufzubauen.

Innere Zerrissenheit in der Emigration

Dieses Hin- und Hergerissensein zwischen den Kulturen, der Zwang, sich eine neue Identität zu erfinden, wenn die alte sich mit dem Leben in der neuen Welt nicht mehr vereinbaren lässt, das sind die Themen, von denen Abdulrazak Gurnah erzählt.

In "Donnernde Stille" findet er dafür eine wunderbare Metapher: "Ein kaputtes Herz" wird seinem namenlos bleibenden Protagonisten diagnostiziert. Und erst, als der sich dieses kaputte Herz eingesteht, fasst er den Mut, wieder in seine Heimat zurückzureisen. Das kaputte Herz kann dadurch aber nicht geheilt werden - so wie die Zerrissenheit für Emigranten nie aufhört.

"Ich hatte manchmal das Gefühl, mein ganzes Leben sei eine Geschichte, und ich spielte meine Rolle bei Ereignissen, die sich nicht von mir beeinflussen ließen", heißt es in "Donnernde Stille". Dass diese Geschichten trotzdem erzählt werden, und zwar ohne Zorn, sondern mitfühlend, immer nah bei seinen Figuren, das macht die Kraft der Romane von Abdulrazak Gurnah aus.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 07. Oktober 2021 um 22:15 Uhr.