Günter Grass

Scharfe Kritik an Linksparteichef Günter Grass bescheinigt Merkel gute Arbeit

Stand: 04.10.2007 02:47 Uhr

Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat Bundeskanzlerin Angela Merkel ein gutes Zeugnis ausgestellt. "Gemessen an den Schwierigkeiten, die große Koalitionen mit sich bringen, macht sie ihre Sache gut", sagte Grass der "Frankfurter Rundschau" zufolge. Er schränkte jedoch ein: "Sie setzt dabei sehr viel sozialdemokratische Reformpolitik um, ohne dass die Sozialdemokraten davon profitieren. Auf Dauer kann das nicht gut gehen."

Günter Grass

Günter Grass

"Lafontaine stellt unfinanzierbare Gratis-Forderungen"

Den Chef der Linkspartei, Oskar Lafontaine, bezeichnete Grass als einen Demagogen. "Er stellt Gratis-Forderungen, die größtenteils nicht finanzierbar sind. Er scheut sich auch nicht, bis in das rechte Spektrum hinein nach Wählern Ausschau zu halten. Der ist nicht ungefährlich, weil er hochbegabt ist", erklärte der Schriftsteller. Stünde Lafontaine nicht an der Spitze, hätte er keine Bedenken gegen eine Koalition der Partei Die Linke mit der SPD, sagte Grass.

Kritik an SS-Geständnis war verletzend

Zu der Kritik an seinem späten Geständnis, als 17-Jähriger in die Waffen-SS eingetreten zu sein, wollte sich Grass nicht mehr äußern. "Es war anstrengend und verletzend", sagte der Schriftsteller, der am 16. Oktober seinen 80. Geburtstag feiert. Wie viele seiner Generation sei er "gezeichnet von diesen zwölf Jahren des Nationalsozialismus. Einer Zeit, die mich und viele andere als dumm, unwissend und borniert entlassen hat." Er habe als Jugendlicher "in bestimmten Situationen nicht die Fragen gestellt, die ich hätte stellen müssen oder stellen können. Das ist zwar keine tätige Mitschuld an etwas, aber Schuld, die aus Unterlassung entsteht." Dass ihn viele Kritiker als "moralische Instanz" beschädigt sahen, ficht ihn nicht an. "Weil ich mich selbst nie auf diesen Sockel gestellt habe", sagte er.

Grass sieht sein Werk in Deutschland nicht gewürdigt

Grass sieht sein Werk in Deutschland nicht ausreichend gewürdigt. Im Ausland erfahre er etwas, "was im Umgang mit mir in Deutschland Mangelware geworden ist: Respekt gegenüber dem Werk, das in fünf, sechs Jahrzehnten entstanden ist, ganz gleich, wie man inhaltlich zu mir steht". In den USA seien Kritiker und Leser mit seiner im vergangenen Jahr veröffentlichten Autobiografie "Vom Häuten der Zwiebel" fairer umgegangen als in Deutschland. In den USA "geht man von dem aus, was der Autor erreichen wollte, und überprüft dann, ob er das erreicht hat". In der deutschen Literaturkritik dagegen "steht im Vordergrund, was sich der Rezensent vom Autor erwartet".