Carolin Emcke bei der Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche | dpa

Friedenspreis des Buchhandels für Emcke "Wir dürfen uns nicht sprachlos machen lassen"

Stand: 23.10.2016 13:20 Uhr

Mit einer beeindruckenden Rede hat die diesjährige Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels den Einsatz aller für Vielfalt und gegen Hass gefordert. "Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen", sagte Carolin Emcke bei der Preisverleihung in Frankfurt.

Bei einem Festakt in der Frankfurter Paulskirche ist Carolin Emcke mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. "Sie schreibt das auf, was andere ihr erzählen und was sie selbst dabei empfindet, nämlich oft Angst, Wut und Hilflosigkeit", sagte der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller. Emcke sei eine nüchterne Chronistin einer "Welt in Aufruhr" und ein "Vorbild für gesellschaftliches Handeln".

Die Philosophin Selya Benhabib bescheinigte Emcke in ihrer Laudatio eine "analytische Empathie". Sie widersetze sich der Sprachlosigkeit sowohl der Opfer von Gewalt als auch jener, die sich angesichts von erschütternden Vorfällen in sich zurückzögen. "Emcke hat die Gabe, die Dinge so zu erzählen, dass die Lähmung des Denkens durch die allgegenwärtige Gewalt durchbrochen wird".

"Menschenrechte müssen nicht verdient werden"

In ihrer Dankesrede warb Emcke für ein Eintreten jedes Bürgers für die Menschenrechte und die Freiheit. "Menschenrechte sind voraussetzungslos. Sie können und müssen nicht verdient werden", betonte Emcke. "Zuneigung oder Abneigung, Zustimmung oder Abscheu zu individuellen Lebensentwürfen, sozialen Praktiken oder religiösen Überzeugungen dürfen keine Rolle spielen", verlangte sie. "Das ist der Kern einer liberalen, offenen, säkularen Gesellschaft."

Den "Populisten und Fanatikern", die ein "homogenes Volk" oder eine "wahre Religion" forderten, setzt Emcke das Vieldeutige und das individuell Einzigartige gegenüber. "Verschiedenheit ist kein hinreichender Grund für Ausgrenzung", sagte sie. Die "soziale Pathologie" unserer Zeit sei es, die Menschen "nach Begriffen und Hautfarben, nach Herkunft und Glauben, nach Sexualität und Körperlichkeiten" zu sortieren. Damit werde dann Ausgrenzung und Gewalt gerechtfertigt.

Emcke appellierte an jeden, sich in die Welt einzuschalten. "Wir dürfen uns nicht wehrlos und sprachlos machen lassen", sagte sie. Entschieden wandte sie sich gegen Hass und Ausgrenzung. Jeder einzelne sei dafür zuständig, sich gegen die alltäglichen Formen des Missachtung und Demütigung zu wenden. Antworten auf das derzeitige Klima des Fanatismus und der Gewalt in Europa dürfe nicht einfach an die Politik delegiert werden.

Zurzeit grassiere ein Klima des Fanatismus und der Gewalt in Europa. " In Wahrheit geht es gar nicht um Muslime oder Geflüchtete oder Frauen. Sie wollen alle einschüchtern, die sich einsetzen für die Freiheit des einzigartigen, abweichenden Individuellen. Deswegen müssen sich auch alle angesprochen fühlen", sagte Emcke.

Einsatz für Dialog und Vielfalt

Emcke erhält die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung für ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Dialog und zum Frieden. Die renommierte Journalistin und promovierte Philosophin wendet sich unter anderem in ihrem neuen Buch "Gegen den Hass" gegen den nationalistischen und religiösen Fanatismus. Einen Namen machte sich Emcke bereits früh als Journaistin mit ihren Berichten aus Kriegs- und Krisengebieten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Oktober 2016 um 12:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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GamWalter 23.10.2016 • 16:59 Uhr

@frosthorn 15:09: Vielfalt von Weltanschauungen respektiere ich

nur, wenn diese: 1.Den Allgemeinen Menschenrechten und Grundgesetzes nicht widersprechen. 2.Die Gleichwertigkeit anderer Weltanschauungen anerkennen und Andersgläubige nicht als niedrigste unter den Lebewesen einstufen. 3.Das Recht auf die freie individuelle Wahl einer Weltanschauung sowie das Recht auf freie religionskritische Meinungsäußerung gewähren und dafür nicht mit dem Tode drohen. 4.Die Gleichberechtigung von Mann und Frau gewährleisten und Frauen nicht zum Saatfeld des Mannes degradieren. 5.Die Freundschaft mit „Ungläubigen“ nicht untersagen und nicht zur Segregation auffordern. 6.Unser Rechtssystems nicht durch religiöse Gebote einschränken. 7.Keine eindeutigen Aufrufe zu Gewalt, Mord und Totschlag an Menschen anderer Ethnien oder Weltanschauungen enthalten. 8.Ein selbstbestimmtes Leben erlauben und nicht der Überzeugung sind, daß die Menschen nur ihrem Führer oder Gott als ihren Gebieter akzeptieren dürfen und seinen Geboten und Verboten bedingungslos folgen müssen