Die von Künstler Dan Perjovschi gestalteten Säulen am Fridericianum in Kassel | dpa

Kunstausstellung documenta Perspektivwechsel in Kassel

Stand: 17.06.2022 12:31 Uhr

Ist das Kunst oder politischer Aktivismus? Die documenta fifteen will beides sein. Künstlergruppen bringen die Perspektiven ärmerer Regionen der Welt nach Kassel. Am Samstag öffnet die Ausstellung ihre Pforten.

Von Peter Gerhardt, HR

Ein schwarzer Tunnel, düster und voller Lärm. Wer die documenta-Halle in Kassel betritt, muss durch ihn durch. Kein angenehmes Gefühl. Und auch drinnen wird es erst einmal nicht besser. Ein gigantisches geflochtenes Bett. Auf solchen Betten schlafen in den Slums ganze Familien. Die Installationen der Künstlergruppe Wajukuu werfen das Publikum mitten hinein in die armen Vororte der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Wajukuu bedeutet "Enkel". Und genau um diese Enkel-Generation kümmert sich das Künstlerkollektiv zuhause in Nairobi. Sie unterrichten Kinder, bringen sie mit Kunst in Berührung. Es soll nicht eine weitere Generation heranwachsen, deren Zukunft in den Slums vorbestimmt ist und in der viele keinen anderen Weg sehen als den in die Gang-Kriminalität.

Peter Gerhardt

Diese Realität will Wajukuu dem Publikum in Kassel näherbringen. Und auch zeigen, dass es Wege gibt aus ihr herauszukommen. "Es gibt dieses Image von Afrika als einem abhängigen Kontinent. Wir sind hierhergekommen, um zu zeigen, dass das nicht so ist", sagt Shabu Mwangi, einer der Gründer von Wajukuu.

Installation vom kenianischen "Wajukuu Art Project" | dpa

Installation der Künstlerinnen und Künstler vom "Wajukuu Art Project" Bild: dpa

Perspektiven des "globalen Südens"

14 solcher Künstlergruppen hat die documenta in diesem Jahr nach Kassel eingeladen, offiziell 54 Künstlerinnen und Künstler. Doch alle haben weitere Kolleginnen und Kollegen mitgebacht, so dass am Ende fast 1500 gekommen sind. Das ist ganz im Sinn von ruangrupa, einem Künstlerkollektiv aus Indonesien, das die documenta fifteen leitet. "Vernetzung und Kollektivität stehen im Vordergrund dieser Ausstellung", sagt Reza Afisina von ruangrupa. "Lumbung" nennen sie das, nach den indonesischen Reisspeichern, die kollektiv geführt werden und Orte für Nahrung und Kommunikation gleichermaßen sind.

Fast alle Künstler kommen aus ärmeren Regionen der Welt, dem sogenannten globalen Süden, weil fast alle auf der südlichen Erdhalbkugel liegen. Einen Perspektivwechsel will diese documenta in den Kunstbetrieb bringen. Weg von der Sicht der Europäer und Nordamerikaner, hin zu den vielfältigen Stimmen, die es sonst auf der Welt gibt.

Besucher betrachten im Hallenbad-Ost in Kassel großflächige Werke des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi. | dpa

Großflächige Werke des indonesischen Künstlerkollektivs "Taring Padi" im Hallenbad-Ost. Bild: dpa

Aktivismus statt traditioneller Ausstellung?

Die documenta findet alle fünf Jahre statt - dieses Jahr zum fünfzehnten Mal. Und dieses Mal gleicht sie eher einem Aktivistencamp als einer traditionellen Kunstausstellung. Das klassische Bild an der Wand hat ausgedient. Große Installationen sind zu sehen wie "Return to Sender" des ebenfalls kenianischen Kollektivs "The Nest": Ein großer Haufen gepresster Altkleider, aufgestapelt vor dem Barockschloss der Kasseler Orangerie. Die Klamotten, übrig geblieben vom Fast-Fashion-Wahn in den reichen Staaten, mildtätig gespendet nach Afrika, ruinieren dort die lokale Textilindustrie und Modebranche. Und deshalb: zurück an den Absender.

Überall wird in Kassel diskutiert dieser Tage über ökologische Probleme und Repression in Südasien, politische Verfolgung in Kuba oder die Probleme queerer Menschen in Afrika. Die Ausstellungsort sind über die gesamte Stadt verteilt. Vor allem den Kasseler Osten hat es den Austellungsmachern angetan. Ein Stadtteil, dessen Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg mit "zweckmäßig" noch freundlich beschrieben wäre.

Ein Installation aus Altkleider-Ballen vom Nest Collective aus Nairobi steht umzäunt vor der Orangerie im Staatspark Karlsaue.  | dpa

Die Installation "Return to Sender" des "The Nest Collective" aus Nairobi. Bild: dpa

Debatte über Antisemitismus

Ein Ausstellungsort wird dieser Tage jedoch besonders kritisch unter die Lupe genommen. Versteckt hinter einem bekannten Kasseler Club, der "Lolita Bar", liegt das WH22. Hier stellt die palästinensische Gruppe "The Question of Funding" ihre Werke aus. Sie will vor allem zeigen, wie schwierig es in den palästinensischen Gebieten ist, Geld und Ressourcen zusammenzubekommen. Nicht nur für Kunst, auch für simple Dinge des Lebens, weil Israel den Gaza-Streifen blockiert und viele Güter des täglichen Bedarfs dort nicht eingeführt werden können. Israelkritisch ist diese Kunst. Und das ist in Deutschland immer ein heikles Thema.

Hinzu kommt, dass einigen Mitgliedern von "The Question of Funding" eine geistige Nähe zur Israelboykottbewegung BDS nachgesagt wird. Über die hat der Bundestag 2020 geurteilt, sie sei antisemitisch. Die Teilnahme von Künstlern aus diesem Spektrum an der documenta, ohne dass auch israelische Stimmen gehört werden, rief den Zentralrat der Juden in Deutschland auf den Plan. Dessen Präsident Josef Schuster schrieb einen Beschwerdebrief an Kulturstaatsministerin Claudia Roth.

Roth versucht Wellen zu glätten

Die documenta-Macher von "ruangrupa" sehen sich dagegen missverstanden und verurteilten ihrerseits einige ihrer Kritiker als "islamophob". Die Diskussion schlägt in deutschen Feuilletons seit Wochen hohe Wogen. Erst recht kochte die Debatte hoch, als die documenta-Macher eine geplante Gesprächsreihe zum Thema Antisemitismus einfach absagten.

Claudia Roth versucht nun die Wellen zu glätten. Natürlich dürfe es auf der documenta keinen Antisemitismus geben, sagt sie. Sie nimmt jedoch ruangrupa in Schutz und wirbt ganz in deren Sinne dafür, sich auf andere Sichtweisen einzulassen. "Der globale Süden hat definitiv eine andere Perspektive auf uns als wir auf den globalen Süden. Und diese Konfrontation oder diese Auseinandersetzung und diese Begegnung, die - glaube ich - ist spannend", sagt sie.

Bei der Eröffnung der documenta zeigte sich ruangrupa denn auch selbstbewusst. "Die nächsten 100 Tage sind für uns entscheidend", sagt Reza Afisina. "Kommt nach Kassel, schaut euch die Ausstellung an, diskutiert mit uns und den Künstlerinnen und Künstlern." Vielen wird der hochpolitische, aktivistische Ansatz dieser documenta sicher nicht gefallen. Aber einen Anstoß für Diskussionen wird er ganz bestimmt liefern.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 15. Juni 2022 um 22:15 Uhr.