Bronzezeitliche Goldhüte aus dem Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte und die Himmelsscheibe von Nebra | Bildquelle: dpa

Archäologie-Ausstellung in Berlin "Migration ist Anfang aller Entwicklung"

Stand: 26.09.2018 18:13 Uhr

Der Berliner Gropius Bau zeigt eine hochkarätige Archäologieausstellung mit den wichtigen Funden der vergangenen 20 Jahre aus dem gesamten Bundesgebiet. Es ist eine ungewöhnlich politische Ausstellung.

Von Günter Marks, tagesschau.de

Wir alle sind Migranten. Das ist das Fazit, zu dem man nach einem Besuch der Ausstellung "Bewegte Zeiten" im Gropius Bau in Berlin kommt. Dieses Fazit ist für eine archäologische Ausstellung ungewöhnlich politisch. Und das ist von den Ausstellungsmachern durchaus gewollt. "Migration ist nicht der Anfang aller Probleme, Migration ist der Anfang aller Entwicklung. Und ich glaube, das muss man auch mal wieder nach vorne stellen", sagt der Archäologe Matthias Wemhoff im Gespräch mit tagesschau.de in Anspielung auf ein Zitat von Innenminister Horst Seehofer. Wemhoff ist Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte auf der Berliner Museumsinsel und Landesarchäologe von Berlin. Er ist einer der Initiatoren der Ausstellung.

Die Archäologen Matthias Wemhoff aus Berlin, rechts, und Harald Meller aus Halle mit der Himmelsscheibe von Nebra | Bildquelle: dpa
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Die Archäologen Matthias Wemhoff aus Berlin, rechts, und Harald Meller aus Halle mit der Himmelsscheibe von Nebra, die normalerweise im Landesmuseum in der Saale-Stadt ausgestellt wird.

Wemhoff sagt, die Idee der Ausstellung sei es zu zeigen, dass die vergangenen Kulturen in ihren Erfahrungen und in ihren Lebenswirklichkeiten gar nicht so weit weg von uns seien. "Wir haben das Thema 'Bewegte Zeiten' gewählt, weil wir deutlich machen wollen, dass es in allen Zeiten einen intensiven Austausch, eine intensive Bewegung gab. Bewegung von Menschen, Bewegung von Dingen, die gehandelt wurden, Weitergabe von Ideen, Konflikte, die dabei entstehen - das hat alle Epochen geprägt." Veränderungen habe es immer gegeben, so der Archäologe.

Wagenbestattung in Profen, Sachsen-Anhalt, spätes 4. Jahrtausend vor Christus. Vom Wagen haben sich nur Abdruckspuren erhalten. Die Knochen der Rinder, die ihn gezogen haben, sind gut erkennbar. | Bildquelle: CHRISTINA RIZK/EPA-EFE/REX/Shutt
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Wagenbestattung in Profen, Sachsen-Anhalt, spätes 4. Jahrtausend vor Christus. Vom Wagen haben sich nur Abdruckspuren erhalten. Die Knochen der Rinder, die ihn gezogen haben, sind noch erkennbar.

Es kommt nicht häufig vor, dass eine archäologische Ausstellung politisch so eindeutig Stellung bezieht. Aber die herausragendsten Funde der vergangenen 20 Jahre in Deutschland, die seit vergangenem Wochenende in Berlin gezeigt werden, drängen dem Betrachter diesen Schluss in geradezu selbstverständlicher Beiläufigkeit auf. Es ist ein wissenschaftlicher Schluss. Und das zeichnet diese Ausstellung aus: Die Initiatoren zeigen dem Besucher nicht nur rund 1000 Objekte aus 300.000 Jahren Menschheitsgeschichte, die spannend, verblüffend oder wunderschön aussehen. Sie erklären auch, wie Archäologen ihre Funde bearbeiten, bis sie sie zu verstehen glauben.

Die Venus vom Hohle Feld auf der Schwäbischen Alb | Bildquelle: dpa
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Die Venus vom Hohle Feld auf der Schwäbischen Alb. Sie ist 35.000 bis 40.000 Jahre alt und gilt als ältestes Kunstwerk der Menschheit.

Ein herausragendes Beispiel ist die 3700 bis 4100 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra. Sie ist gefertigt aus Gold und Bronze und zeigt die weltweit älteste bisher bekannte konkrete Darstellung des Kosmos. Sie gilt als einer der wichtigsten Funde aus der Bronzezeit (3000 bis 1200 vor Christus). Vermutlich wurde die Scheibe zumindest eine Zeit lang benutzt, um Sommer- und Wintersonnenwende zu bestimmen und so die Aussaat festzulegen.

Goldene Hüte aus der Bronzezeit | Bildquelle: OMER MESSINGER/EPA-EFE/REX/Shutt
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Goldene Hüte aus der Bronzezeit. Der Berliner Goldhut, rechts, wurde in den 1990er-Jahren vom Museum aus dem Kunsthandel erworben. Der Fundort liegt vermutlich in Süddeutschland oder der Schweiz.

Zu den berühmten Funden der Ausstellung gehört auch der knapp gut 75 Zentimeter hohe, 3000 Jahre alte Berliner Goldhut - eine Meisterleistung der Goldschmiedetechnik. Er ist mit kalendarischen Symbolen verziert und wurde wohl zu Kultzwecken genutzt.

Darüber hinaus weltberühmt ist die wenige Zentimeter große, mit ausgeprägten Geschlechtsmerkmalen aus Mammut-Elfenbein geschnitzte Venus vom Hohle Fels auf der Schwäbischen Alb. Sie wurde vor 35.000 bis 40.000 Jahren gefertigt und gilt als das älteste Kunstwerk der Menscheitsgeschichte.

Knochen und Waffenteile aus der späten Bronzezeit gefunden im Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern | Bildquelle: OMER MESSINGER/EPA-EFE/REX/Shutt
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Knochen und Waffenteile aus der späten Bronzezeit gefunden im Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern. Es ist die früheste belegbare Schlacht Europas. Mehr als 5000 Menschen sind damals wohl aufeinandergetroffen.

Superlative sind jedoch nicht die Kategorien, in denen Archäologen denken. Sie fragen sich zum Beispiel vielmehr, woher das Wissen stammte, um solch aufwändige Dinge herzustellen. Wofür brauchte man zum Beispiel 40.000 Jahre vor unserer Zeit Kunst? Wemhoff sagt, dass Kunst letztlich Ausdruck einer größeren Gedankenwelt sei. Sie sei eingebunden in ein "Weltverstehen" in ein Aneignen der Umwelt, das häufig in Form von Ritualen und religiösen Handlungen passiere. "Insofern muss man bei so einer Figur, die ja auch ganz bewusst mit starken Brüsten, mit Geschlechtsmerkmalen, ohne Kopf und eine ganz starke Konzentration auf ein "Sich-etwas-Vorstellen" gestaltet ist, annehmen, dass da ein größeres Gedankengebäude hinter steht."

Kalksteinrelief des Gottes Rhenus aus der römischen Kaiserzeit gefunden in Köln. Der bärtige Mann mit wildem Haar verkörpert den Rhein. | Bildquelle: Stephanie von Becker
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Kalksteinrelief des Gottes Rhenus aus der römischen Kaiserzeit gefunden in Köln. Der bärtige Mann mit wildem Haar verkörpert den Rhein.

Zunächst stoßen Archäologen jedoch nicht auf Gedankengebäude, sondern auf Objekte, zum Beispiel in Gräbern. Über die Auswertung von Bestattungen können die Wissenschaftler ab dem späten 7. Jahrtausend mehrere, teils große Einwanderungsprozesse nach Mitteleuropa nachweisen - zunächst aus Anatolien, das zu der Zeit weit fortschrittlicher war als Mitteleuropa. Die DNA der Knochen aus den Gräbern aus den Zeiten zeigt, dass sich zwei Menschengruppen zunächst in zwei konkreten genetischen Merkmalen unterschieden. Diese Merkmale tauchten aber ab einem späteren Zeitpunkt beide gemeinsam in den Knochen der Menschen auf. Die Gruppen müssen sich also durchmischt haben. Dazu kommen Einwanderer aus dem Osten und dem Süden. "Und so formt sich dann das europäische Genom bis zum 3. Jahrtausend", sagt Wemhoff. "Das sind spektakuläre neue Ergebnisse, die die Verbindung von Archäologie und Genforschung in den letzten Jahren erbracht hat." Die beiden genetischen Merkmale der ursprünglichen Gruppen lassen sich noch heute in den Menschen Mitteleuropas finden.

Objekte aus der in den 1930er-Jahren von den Nationalsozialisten zu Propagandazwecken gezeigten Ausstellung "Entartete Kunst". | Bildquelle: OMER MESSINGER/EPA-EFE/REX/Shutt
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Objekte aus der Propaganda-Ausstellung "Entartete Kunst" in den 1930er-Jahren. Sie wurden bei einem Bombenangriff 1944 in Berlin verschüttet und tauchten 2010 bei U-Bahnarbeiten wieder auf.

Wemhoff betont, wie wichtig die Migrationsereignisse durch alle Jahrhunderte bis heute gewesen seien. Die Archäologen zeigen deshalb Überreste der frühesten belegbaren Schlacht Europas vor 3300 Jahren im Tollensetal in Mecklenburg-Vorpommern genauso wie 16 Werke aus der in den 1930er-Jahren von den Nationalsozialisten zu Propagandazwecken gezeigten Ausstellung "Entartete Kunst", die bei U-Bahnarbeiten in Berlin 2010 wieder auftauchten.

"Die Archäologie kommt schon immer quer durch alle Epochen eigentlich bis in die Gegenwart", sagt Wemhoff. Dabei zeige sich, dass die Menschen in Mitteleuropa immer in einem kulturellen Netzwerk agiert hätten. Das habe letztlich ihre Geschichte und ihre kulturelle Identität geprägt.

Ausstellung in Berlin

Bewegte Zeiten - Archäologie in Deutschland
21.09.2018 bis 06.01.2019
Gropius Bau
Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Montag 10 Uhr bis 19 Uhr
Dienstag geschlossen
Tickets: 12,- Euro, ermäßigt 6,- Euro
Eintritt frei bis 18 Jahre
www.bewegte-zeiten-berlin.de

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 20. September 2018 um 23:05 Uhr in der Sendung "Fazit".

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