Ausstellung "Die Erfindung des Wilden" im Museum Branly in Paris

Ausstellung in Paris "Die Erfindung des Wilden" durch die Europäer

Stand: 25.10.2021 19:14 Uhr

"Völkerschauen" mit "Nubiern" oder Eskimos in Hagenbecks Tierpark in Hamburg, Auftritte von Samoanern im Frankfurter Zoo und Kleinwüchsige in Kirmeszelten - sie alle finden sich in einer Ausstellung in Paris wieder. Sie erforscht, wie Industrieländer früher die Menschen anderer Kontinente betrachtet und fremde "Rassen" katalogisiert und vermessen haben. "Niemand ist anders, er wird anders gemacht ", sagt der französische Ex-Fußballnationalspieler Thuram, der die Ausstellung initiiert hat.

Johannes Duchrow

Von Johannes Duchrow, ARD-Hörfunkstudio Paris

"Ich bin im Alter von neun Jahren Schwarzer geworden", sagt Lilian Thuram und ergänzt: "... in den Augen der Anderen". Denn der spätere Fußballprofi war neun, als er von der Karibikinsel Guadeloupe nach Paris kam. "Das ist Prägung: Über Generationen wiederholen wir dasselbe und denken nicht drüber nach. Deshalb brauchen wir diese Ausstellung, um anders über Dinge nachzudenken, die völlig banal sind."

Lilian Thuram in der Ausstellung "Die Erfindung des Wilden" im Museum Branly in Paris

"Niemand ist anders, er wird anders gemacht", sagt Lilian Thuram.

Im Musée Branly kann man bis Juni sehen, wie Prägungen und Vorurteile inszeniert worden sind. Vor allem zwischen 1800 und 1940, als 35.000 Darsteller - freiwillig und unfreiwillig - in europäischen Zoos, Zirkussen und Manegen den Wilden gaben. Die "Hottentotten-Venus", die in Paris auftrat oder die Samoaner-Truppe im Frankfurter Zoo.

Patrick Blanchard, der die Ausstellung als Historiker gemeinsam mit Thuram gemacht hat, zeigt auch auf drei Plakate und einen Führer von Hagenbecks Tierpark in Hamburg. "Wer weiß denn heute noch, wenn er durch den Tierpark Hagenbeck streift, dass dieser Zoo einer der größten Erfinder und Ausstatter dieser Shows war", fragt Blanchard. "Seine Truppen sind 60 Jahre lang durch Europa gezogen und haben die Normen für das Anderssein definiert. Das war die erste Globalisierung: Man hat den Wilden globalisiert, als man das Wirtschaftsystem globalisiert hat."

Ausstellung "Die Erfindung des Wilden" im Museum Branly in Paris

"Wilde" als Kuriositäten - und als Studienobjekte für im 19. Jahrhundert entstehende "Rassenlehren".

Verknüpfung mit kolonialen Interessen

Vorher wurden Behinderte oder Auffällige ausgestellt. Die Frau mit Bart, der kleinwüchsige Zwerg. Die späteren Ausstellungen dagegen waren eng mit kolonialen Interessen verbunden. Blanchard nennt Beispiele: Japaner haben Koreaner als Kannibalen dargestellt, bevor sie gegen Korea in den Krieg zogen. England stellte Zulus aus dem südliche Afrika aus - und unterstellte damit, dass ein ganzes Volk von den hohen eigenen körperliche Normen abwich.

"Wir wollten einfach zeigen, dass von Tokio bis Hamburg, von Mailand bis nach Paris und von London bis New York die gleiche Kultur der Zurschaustellung und eines bestimmten Menschenbildes funktioniert hat", sagt Blanchard. "Wir reden also gleichermaßen von Deutschland, von Frankreich, England, Japan oder den Vereinigten Staaten."

Vom menschlichen Zoo zur Rassenlehre

In der Ausstellung in Paris sind die Shows beschrieben, ihre Plakate und Prospekte zu sehen. Aber auch Werkzeuge und Produkte der damaligen Wissenschaft, die glaubte oder vorgab, das Bindeglied zwischen dem Steinzeitmenschen und dem modernen Europäer gefunden zu haben: den Schwarzen. "Die Geschwindigkeit, mit der die Rassenlehre den Westen durchdrungen hat, das ist unglaublich. In weniger als 50 Jahren wurde aus einer Welt mit sozialer Vision eine, die vom Rassengedanken geprägt war. Das haben die menschlichen Zoos durchgesetzt", sagt Blanchard.

Ausstellung "Die Erfimdung des Wilden" im Museum Branly in Paris

Wie stark wirkt die Zurschaustellung bis heute nach?

Die auf französisch und englisch erläuterte Ausstellung ist auch eine Geschichte des Zirkus, der Attraktionen und sie ist - am Ende in einer Video-Installation auch ein Blick in die Gegenwart. Eine Gegenwart, in der sich der Fußballstar Thuram mit einer Stiftung und jetzt mit einer Ausstellung täglich für eines einsetzt: Jeder Mensch ist gleich. "Angeblich ist es schwierig, über Vorurteile wegen Hautfarbe, der Religion oder dem Geschlecht zu reden. Ich glaube das nicht. Man darf einfach kein Drama draus machen", ist Thuram überzeugt.