Eingang zum neuen Theater in Amsterdam, das das Stück "Anne" zeigt.

Gefeierte "Anne"-Premiere in Amsterdam "Kraftvoll! Phänomenal! Genau richtig!"

Stand: 09.05.2014 08:55 Uhr

Das Publikum im ausverkauften, neuen Theater in Amsterdam ist begeistert. Die Weltpremiere des zuvor viel diskutierten Stücks "Anne" hat überzeugt, beeindruckt und eine bislang unbekannte Seite von Anne Frank gezeigt, die mit 15 Jahren Opfer des Holocaust wurde.

Von Ralf Lachmann, ARD-Hörfunkstudio Kleve, zzt. Amsterdam

Die 1100 Zuschauer im eigens neu gebauten, ausverkauften Theater Amsterdam, darunter auch König Willem-Alexander, applaudierten nach der Aufführung minutenlang.

Überwältigt waren viele schon von den Ausmaßen der riesigen halbrunden Bühne und den detailgenauen Bühnenbildern. Eines zeigte die Prinsengracht 263 - das Versteck im Hinterhaus, das sich Anne Franks Familie mit weiteren jüdischen Familien bis zu ihrer Entdeckung und Deportation teilte. Auf drei Etagen - wie in einem überdimensionalen seitlich offenen Puppenhaus - konnten die Zuschauer die Handlungen dort verfolgen.

König Willem Alexander bei der "Anne"-Premiere in Amsterdam

Unter den Premierengästen waren auch der niederländische König Willem-Alexander ...

Buddy Elias, Cousin und letzter lebender direkter Verwandter von Anne Frank

... und Buddy Elias, der Cousin und letzte lebende direkte Verwandte von Anne Frank.

Ein Besucher sagte: "Ich fand das Bühnenbild absolut unglaublich. Wir kennen ja ihre Geschichte. Sie wurde gut nacherzählt. Und diese Überraschungseffekte mit all den Filmen, Bildern, Zeitungsartikeln. Das hat das Stück noch kraftvoller gemacht. Nicht überdramatisiert. Keine Übertreibungen. Genau richtig."

Auf Großleinwänden, die den Theatersaal halbkreisförmig umschließen, fliegen in einem Moment Tagebuchauszüge mit Anne Franks Handschrift aufs Publikum zu, im nächsten nehmen die Zuschauer Kriegsszenen gefangen - alles schwarz-weiß gedrehte Originalszenen aus der Zeit, als die Niederlande im Zweiten Weltkrieg unter deutscher Besatzung standen. Plötzlich übergroß Hitler, wie er kreischt und gestikuliert.

Eine Zuschauerin meint: "Das ist schon hart. Plötzlich wieder die Realität. Ich fand noch besonders originell, dass sie mit der Szene in Paris begonnen haben. Ja das war ganz neu, da stutzte man kurz. Und die Schauspielerin, die Anne Frank spielte, phänomenal!"

Schauspielerin Rosa da Silva

Rosa da Silva überzeugte in der Rolle der Anne Frank.

Paris - ein Traum

Nach Paris hatte sich Anne Frank, wie sie ihrem Tagebuch anvertraute, oft geträumt. Und so erlebten die Zuschauer die Protagonistin des Stücks in der allerersten Szene im Kreise ihrer Freunde in einem Pariser Cafehaus.

Die Traumszene wie auch die überraschenden und kraftvollen Mulitmedia-Effekte stammen aus der Feder des niederländischen Autorenduos Leon de Winter und Jessica Durlacher. Das Ehepaar hatte bisher vor allem mit seinen Romanen in den Bestsellerlisten für Furore gesorgt.

Leon de Winter erzählt, sie hätten nicht gleich zugesagt, als der Anne-Frank-Fonds aus Basel sie bat, ein neues Theaterstück über das Leben Anne Franks zu schreiben: "Ja, auch weil das erste Stück von 1955 von einem berühmten amerikanischen Ehepaar, beide Filmdrehbuchschreiber, sehr, sehr gut ist. Wir haben lange überlegt, ob wir es machen. Das Theaterstück damals hatte das Tagebuch weltberühmt gemacht - nicht umgekehrt - es war das Theaterstück." Ihr Stück zeige ganz neue Seiten Annes.

Leon de Winter und Jessica Durlacher

Autorenduo und Ehepaar: Leon de Winter und Jessica Durlacher

"Man sieht die Ecken und Kanten von Anne Frank"

Erstmals konnten de Winter und Durlacher auf alle 800 Seiten ihrer Tagebuchaufzeichnungen zugreifen, so viel mehr von Annes Gedankenwelt offenbaren. So bahnt sich zwischen Anne und dem Sohn der auch im Versteck wohnenden Familie van Pels ein erste zarte Liebe mit Schmusen und Küssen an.

Überraschend auch für diesen Zuschauer: "Man sieht die Ecken und Kanten von Anne Frank viel deutlicher als in früheren Veröffentlichungen. Es geht auch um Sex. Das ist interessant, weil Otto Frank, als Vater von Anne ja auch nachvollziehbar, solche Tagebucherzählungen nicht veröffentlicht hatte. Und jetzt sehen wir Anne als pubertierendes Mädchen, das Grenzen überschritt. Fand ich auch historisch interessant."

Insofern sei die Inszenierung hervorragend gelungen, sagt Theu Boermans, Regisseur des Stückes: "Ich wollte dieses Mädchen finden - hinter der Ikone. Und da musste ich so nah wie möglich ran, wie es war, da zu leben und warum sie alles geschrieben hat."

Produzent Robin de Levita

Auf der großen Leinwand der halbrunden Bühne kamen historische Filmszenen und Zeitdokumente besonders eindrucksvoll zur Wirkung. Einer der Hauptverantwortlichen für das Stück ist Produzent Robin de Levita.

Otto und die Tagebücher

In der letzten Szene spricht Anne, die mit nicht mal 15 Jahren im KZ Bergen-Belsen ermordert wurde, nochmals von ihrem Traum, Paris zu besuchen. Das Bühnenbild, jetzt fast leer - nur ein Gleis, das hinter Lagertore führt.

Rechts und links des Gleises stehen bewegungslos Menschen mit kleinen Koffern in der Hand, alle tragen sie einen gelben Judenstern. Dahinter, die Multimediawand zeigt eine Dämmerung. Anne schreitet über die Gleise hinein. Die Wand schließt und zurück bleibt Otto Frank, Annes Vater und einziger Überlebender aus dem Versteck im Amsterdamer Hinterhaus in der Prinsengracht 263. In der Hand hält er Annes Tagebuchblätter.