US-Außenminister Antony Blinken spricht über Infrastrukturinvestitionen an der A. James Clark School of Engineering der University of Maryland in College Park | AP

Blinken zum Taliban-Vormarsch "Das ist nicht Saigon"

Stand: 15.08.2021 19:12 Uhr

Noch im Juli sagte US-Präsident Biden, dass er nicht mit einer schnellen Taliban-Machtübernahme rechne. Nun musste Außenminister Blinken die Lage in Afghanistan erklären. Vergleiche mit Vietnam wies er zurück.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

US-Präsident Joe Biden hält sich dieses Wochenende in Camp David auf. Deshalb überließ er es seinem Außenminister Antony Blinken, den Amerikanern die Situation in Afghanistan zu erklären. 

Julia Kastein ARD-Studio Washington

"Das ist nicht Saigon", sagte Blinken bei CNN. Die vorgezogene, hastige Evakuierung des Botschaft-Personals in Kabul und auch das Wiederaufstocken der Truppen. Nach der Interpretation des Außenministers ist dies ein Beleg dafür, wie gut Präsident Biden auf alle möglichen Eventualitäten vorbereitet gewesen sei.

"Das ging schneller, als wir erwartet haben"

Aber dass es so schnell überhaupt so weit kommen konnte, das wollte Blinken nicht erklären. Zumal sein Chef Biden noch im Juli erklärt hatte, es sei unwahrscheinlich, dass die Taliban das ganze Land überrennen würden. Dafür, dass es nun doch so gekommen ist, machte Blinken die Afghanen selbst verantwortlich: "Fakt ist, dass die afghanischen Streitkräfte nicht in der Lage waren, das Land zu verteidigen. Und das ging schneller, als wir erwartet haben."

Mission erfüllt?

Vietnam-Vergleiche lehne er jedoch ab, weil die USA doch ihr Kriegsziel erreicht hätten: "Wir sind vor 20 Jahren mit einer Mission nach Afghanistan gegangen. Und die Mission war, etwas gegen die Leute zu unternehmen, die uns am 11. September angegriffen haben. Und mit dieser Mission hatten wir Erfolg."

Jetzt aber sei es nicht mehr im nationalen Interesse, noch länger in Afghanistan zu bleiben und in einen Bürgerkrieg gezogen zu werden. Schließlich seien die USA jetzt schon doppelt so lange dort wie einst die Russen.

Warnung an die Taliban

Dass nun nach 20 Jahren, mehr als 2000 toten US-Soldaten und unzähligen zivilen Opfern vor Ort wieder die gleichen Radikal-Islamisten an die Macht kommen wie vor dem 11. September, kommentierte Blinken nicht weiter.

Sondern er lieferte eine Warnung in Richtung Taliban: Internationale Unterstützung und ein Ende der Sanktionen seien nur möglich, wenn die Grundrechte der Afghanen - besonders der Frauen - respektiert würden. Und wenn das Land nicht wieder zum sicheren Hafen für Terroristen werde.

Opposition: "Brutstätte für Terroristen"

Die oppositionellen Republikaner halten aber genau dieses Szenario längst für ausgemacht. Schließlich hätten die Taliban ihre Kontakte zu Al-Kaida nie aufgegeben, sagte Michael McCaull, Abgeordneter aus Texas und Außenpolitikexperte seiner Partei, ebenfalls bei CNN. "Wir werden dort wieder in den Zustand vor 9/11 zurückkehren. Es wird eine Brutstätte für Terroristen sein. Und ich will nicht hoffen, dass wir wieder hin müssen. Aber es wird wieder eine Bedrohung für die USA werden."

Die Situation sei sogar noch schlimmer als einst in Saigon, so McCaull. "Wenn sie die schwarze Flagge der Taliban über unserer amerikanischen Botschaft hissen: Stellen Sie sich dieses Bild mal vor."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 15. August 2021 um 20:00 Uhr.