Christos schwimmende Stege

Neues Kunstprojekt in Italien Christo geht übers Wasser

Stand: 17.06.2016 12:57 Uhr

Wer die italienische Monte Isola erreichen will, braucht dank Christo kein Boot mehr: Leuchtend orange Stege schwimmen auf dem Iseo-See und lassen Besucher neue Wege gehen - nicht nur sprichwörtlich. Wer es ausprobieren will, muss sich allerdings beeilen.

Von Jan-Christoph Kitzler, ARD-Studio Rom

Es gehört schon eine große Portion Wahnsinn dazu, eine Landschaft so zu verändern. Christo hat Wege geschaffen, wo keine waren. Und wer den Iseo-See in Norditalien besucht, kann jetzt übers Wasser laufen.

Über einen drei Kilometer langen Weg kann man zwei Inseln erreichen, die größere Monte Isola und die kleine Isola di San Paolo. Wer seinen Fuß auf die 16 Meter breiten Stege setzt, betritt eine neue Welt aus leuchtendem Orange. Sanft liegen sie auf den Wellen. Der Boden gibt etwas nach.

Der Weg ist das Ziel

Künstler Christo auf seinen schwimmenden Stegen
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Künstler Christo auf seinen schwimmenden Stegen im Iseosee

Christo will gar nicht viel erklären - die Floating Piers muss man erleben, sagt er: "Das ist ein sehr physisches Projekt. Das ist keine Malerei, keine Skulptur, man muss dahin gehen, das heißt: laufen. Das ist physisch, nicht virtuell." Er sei an "den echten Dingen" interessiert, sagt er, Dinge, die er fühle und die ihm Freude machten. "Es geht nicht nur um die Dinge. Das Projekt ist die Reise zu den Dingen."

Das Laufen über die schwimmenden Stege ist ein Erlebnis. 220.000 zusammengeschraubte Plastikwürfel wurden zusammengeschraubt und im See verankert und ermöglichen so, dass der Besucher übers Wasser laufen kann. Die leuchtenden Stoffbahnen, die sie bedecken, kommen aus Deutschland, insgesamt 100.000 Quadratmeter.

Ein Kunstwerk für alle

Die Idee dazu hatten Christo und seine inzwischen verstorbene Partnerin Jeanne-Claude schon vor 40 Jahren. Mehrere Anläufe dazu gab es, in Argentinien und in Japan. Jetzt haben in Norditalien rund 600 Menschen dafür gearbeitet, dass das Werk gelingt. Wolfgang Volz, ein Fotograf aus Süddeutschland, ist seit 46 Jahren an Christos Seite und der Projektmanager des Werks. "Wir sind Träumer", sagt er, "wir träumen von einem Planeten Lago d’Iseo, Floating Piers, und wir schaffen uns diese Realität."

Christo und seine damalige Partnerin hätten immer gesagt, ihre Kunst behandele die Freiheit und Freiheit bedeute natürlich auch, dass man für diese Kunst kein Eintrittsgeld verlange. "Jeder kann kommen, wann er will. Das Kunstwerk gehört niemandem, das kann niemand erwerben, sondern es muss frei von jeder Belastung sein", sagt Volz über die Floating Piers.

"Das müssen wir machen!"

Am 1. August 2014 hatte Christo das Projekt Paola Pezzotti, der Bürgermeisterin von Sulzano am Ufer des Iseo-Sees, erstmals vorgestellt. Bevor der Verpackungskünstler 1995 das Reichstagsgebäude in Berlin verhüllen konnte, vergingen zwei Jahrzehnte langer Planungen. Hier am Iseo-See haben sie das Projekt in nicht einmal zwei Jahren gestemmt.

"Es ist unmöglich nicht davon begeistert zu sein", schwärmt Pezzotti. Christo habe das Projekt sehr einfach, aber auch sehr fesselnd präsentiert. "Mir hat das gleich gefallen. Als er das vorgestellt hat, habe ich gesagt: genehmigt, das müssen wir machen. Für den See, für die anderen Gemeinden, für die ganze Region." Aber das Projekt habe auch Mut gefordert.

Kurzzeitprojekt - aber mit Nachhall

Zitat

"Ich besitze das Werk nicht, niemand besitzt es. Es ist wie unser Leben – es geht vorbei, es existiert nur im Hier und Jetzt."

Christo

Der Besucherstrom für die Region ist gewiss, täglich werden bis zu 50.000 Besucher erwartet. Die Floating Piers sollen die Landschaft am See auf Dauer verändern, so die Hoffnung. Auch wenn das Werk nur 16 Tage lang aufgebaut bleibt.

Denn Vergänglichkeit sei Teil des Konzeptes, sagt Christo: "Das Wichtige an diesem Projekt ist der zeitliche Charakter, diese nomadische Qualität." Das sei vor allem durch die Nutzung des Wassers gewährleistet. "Denn ich besitze das Werk nicht, niemand besitzt es. Es ist wie unser Leben - es geht vorbei, es existiert nur im Hier und Jetzt."

Wer das sehen und spüren will, der muss sich also bald auf den Weg machen. Bis zum 3. Juli darf jeder auf Christos neustem Werk spazieren, bei Tag und Nacht.

Über dieses Thema berichteten die Tagesthemen am 16. Juni 2016 um 23:15 Uhr.

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