Gaza nach Raketeneinschlägen | EPA

Angriffe im Nahostkonflikt Eine Nacht der Angst - auf beiden Seiten

Stand: 06.08.2022 17:19 Uhr

Lange war es an der Grenze zum Gazastreifen verhältnismäßig ruhig. Nun eskalierte die Gewalt erneut. Israelische Streitkräfte griffen mehrere Ziele in dem Küstengebiet an, militante Palästinenser feuern Hunderte Raketen ab.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Es war eine Nacht der Angst - auf beiden Seiten der Gaza-Grenze: Auf der israelischen Seite verbrachten die meisten Menschen die Nacht in Schutzräumen - aus Sorge vor den Raketen aus dem Gazastreifen. Dort, in dem palästinensischen Küstengebiet, hatten die Bewohner Angst vor den israelischen Angriffen.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

Israelische Armee greift weiter an

Die israelische Armee greift auch über den Tag hinweg weiter Ziele an, die sie dem Islamischen Dschihad zuordnet, darunter auch mutmaßliche Werkstätten zur Raketenproduktion. Mehr als 200 Geschosse wurden offiziellen israelischen Angaben zufolge seit gestern Abend in Richtung Israel gefeuert. Ziel sind vor allem die Ortschaften nahe der Gaza-Grenze. Die meisten Raketen wurden abgeschossen oder schlugen ein, ohne größeren Schaden anzurichten.

Karte Israel mit Westjordanland und Gazastreifen

Die Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert, sei nicht Ziel der Angriffe, hatte der israelische Armeesprecher Ran Kochav deutlich gemacht:

Die aktuelle Operation richtet sich gegen den Islamischen Dschihad, nicht gegen den Gazastreifen oder andere Organisationen.

Der Fokus liege auf dem Dschihad, denn von ihm ging die Gefahr aus, dass israelische Ortschaften mit Panzerabwehrraketen beschossen werden. Weiter erklärte Kochav, man werde "diese Bedrohung entschieden, professionell und endgültig beseitigen."

Strommangel im Gazastreifen verschärft sich

Im Gazastreifen musste unterdessen das einzige Kraftwerk den Betrieb einstellen, weil aus Israel kein Treibstoff mehr geliefert wird. Dadurch verschärft sich der ohnehin bestehende Strommangel - alle 12 Stunden bekommen die mehr als zwei Millionen Bewohner des Küstengebiets nun vier Stunden Strom.

Raketen werden aus dem Gazastreifen abgefeuert. | dpa

Raketen werden aus dem Gazastreifen abgefeuert. Bild: dpa

Israelisches Sicherheitskabinett berät am Abend

Die Kampfhandlungen finden weiterhin zwischen der israelischen Armee und dem Islamischen Dschihad statt. Die Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert, beteiligt sich bisher nicht an den Kämpfen. Ägypten, Katar und die Vereinten Nationen versuchen eine Waffenruhe zu vermitteln. Das Sicherheitskabinett der israelischen Regierung berät am Abend über das weitere Vorgehen.

Tote aufseiten des Islamischen Dschihads

Nach Armeeangaben wurden unter anderem Kämpfer des Islamischen Dschihads getötet, die unmittelbar vor einem Angriff standen. Ziel der israelischen Operation war auch die Führungsspitze der Gruppe. Bei einem gezielten Luftangriff kam ein ranghoher Kommandeur des Islamischen Dschihad ums Leben. Die Organisation, die dem Iran nahe steht und unter anderem von der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird, kündigte daraufhin Vergeltung an und feuerte die ganze Nacht über Raketen.

Betroffen war vor allem das israelische Grenzgebiet zum Gazastreifen. Aber auch in Vororten von Tel Aviv heulten vereinzelt die Luftschutzsirenen und waren Explosionen von Abfanggeschossen zu hören. Das israelische Kurzstrecken-Luftabwehrsystem Eiserne Kuppel fing einige Raketen ab - andere gingen nieder, ohne größeren Schaden anzurichten.

Wie das palästinensische Gesundheitsministerium im Gazastreifen später mitteilte, forderten die israelischen Angriffe bisher 15 Todesopfer. Darunter sind den Angaben zufolge Kämpfer der extremistischen Organisation Islamischer Dschihad, aber auch Zivilisten. Mehr als 120 Menschen wurden demnach verletzt. Auch auf der israelischen Seite wurden Verletzte gemeldet.

UN: "keine Rechtfertigung für Angriffe gegen Zivilisten"

Der UN-Sondergesandte für den Nahostkonflikt, Tor Wennesland, erklärte, es gebe keine Rechtfertigung für Angriffe gegen Zivilisten. Er rief die Konfliktparteien zum Ende der Kampfhandlungen auf. Israel reagierte mit der Militäroperation auf Drohungen des Islamischen Dschihad. Dieser hatte Angriffe angekündigt, nachdem die israelische Armee im Westjordanland ein ranghohes Mitglied der Gruppe festgenommen hatte. Israels Regierungschef Jair Lapid erklärte, Israel lasse nicht zu, dass eine Terrororganisation die Agenda vorgebe. Israel sei nicht an einer größeren Offensive interessiert, werde aber auch nicht davor zurückschrecken, erklärte Lapid.

 Die Operation in Gaza richtetet sich gegen eine konkrete Bedrohung des Alltags im Süden des Landes.

Eskalation muss nicht im Krieg enden

Dass die aktuelle Eskalation in einen weiteren Gaza-Krieg mündet, ist nicht zwingend und wird davon abhängen, ob sich die Hamas an dem militärischen Schlagabtausch beteiligt. Im Herbst 2019 tötete Israel schon einmal gezielt einen Kommandeur des Islamischen Dschihad und dieser reagierte mit Raketenbeschuss. Die Hamas beteiligte sich nicht. Nach rund zwei Tagen endeten die Kämpfe. So könnte es auch dieses Mal sein. Noch lässt sich das aber nicht beurteilen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 06. August 2022 um 09:00 Uhr.