Kommentar

Bilanzskandal bei Wirecard Die Kontrollmechanismen haben versagt

Stand: 23.06.2020 18:45 Uhr

Im Bilanzskandal von Wirecard steht nicht nur der Konzern selbst im Kreuzfeuer. Auch die BaFin und die Prüfungsgesellschaft EY haben sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Jetzt hilft nur noch Transparenz.

Ein Kommentar von Stefan Wolff, ARD-Börsenstudio Frankfurt

Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung. Wenn also der Chef der obersten Finanzaufsicht BaFin, Felix Hufeld, einräumt, seine Behörde habe im Fall Wirecard versagt, dann ist das ein guter Anfang. Wenn sich bei der BaFin nichts ändert, wird auch der nächste Bilanzskandal unangemeldet vor der Tür stehen.

Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass sich die BaFin als zahnloser Tiger erweist. Ob Zinsmanipulationen bei der Deutschen Bank, die Pleite des Windkraftanlagenbauers Prokon oder das Schneeballsystem des Immobilienkonzerns S&K - bei diesen und vielen anderen Fällen muss sich die BaFin den Vorwurf gefallen lassen, zu spät oder eben gar nicht reagiert zu haben.

Den Überbringer köpft man

Auch bei Wirecard hat die BaFin zu spät reagiert. Eigentlich war die Behörde eigenen Angaben zufolge nur für die Wirecard Bank und nicht für den gesamten Konzern zuständig. Nach dem Sondergutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hatte man versucht, den Zuständigkeitsbereich zu erweitern. KPMG hatte bei Wirecard keine Hinweise auf Betrug entdeckt, konnte aber die Betrugsvorwürfe auch nicht entkräften, da sich dafür keine Belege fanden.

Zuvor hatte sich die BaFin in der Rolle gefallen, sich schützend vor Wirecard und damit den Finanzplatz Deutschland zu stellen. Nach ersten Berichten in der "Financial Times" und ersten Ermittlungen der Behörden in Singapur untersagte die BaFin Leerverkäufe der Wirecard-Aktien. Bei diesem Geschäft verkaufen Marktteilnehmer geliehene Aktien, um sie zu einem späteren Zeitpunkt billiger zu kaufen und zurückzugeben. Außerdem zeigte die BaFin Journalisten der "Financial Times", also die Überbringer der schlechten Nachrichten, wegen möglicher Marktmanipulation an.

Drittpartner als Black Box

Nicht nur die BaFin, auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften haben sich nicht eben mit Ruhm bekleckert. So wie es bislang aussieht, haben die Prüfer von EY jahrelang Bilanzen von Wirecard bestätigt, ohne die Belege für alle Geschäfte vorliegen zu haben. Immerhin hat man beim Testat für 2018 darauf hingewiesen, dass die Ermittlungen in Singapur und anderswo die vorliegende Bilanz obsolet machen könnten.

Die Fehlerquelle liegt im Geschäftsmodell von Wirecard. Dort, wo das Unternehmen keine Banklizenz hat, übernehmen Treuhänder die Abwicklung der Zahlungen im Internet. Für Kontrolleure finden diese Geschäfte in einer Black Box statt. Es fließt Geld, es gibt aber offenkundig keine Belege. Ein Eldorado für Menschen mit unlauteren Absichten.

Die Antwort lautet "Transparenz"

Abgesehen von den strafrechtlichen Konsequenzen haben der Finanzplatz und der Wirtschaftsstandort Deutschland riesigen Schaden genommen. Die spektakulären Kursverluste der Wirecard-Aktien dürften Anleger abschrecken, und der Betrugsskandal selbst potenzielle Investoren. Wer steckt schon Geld in ein Unternehmen in einem Land, in dem die Kontrollmechanismen nicht funktionieren?

Die Antwort auf den Skandal lautet "Transparenz". Wer seine Geschäfte nicht freiwillig offenlegt und konzernintern von vornherein Leitlinien festlegt, die Betrug verhindern, soll diese Geschäfte auch nicht machen können. Deutschland ist stolz auf seine "Gouvernance"-Kriterien, die das Wohlverhalten von Unternehmen regeln sollen. Nur: Mit der Umsetzung hapert es zuweilen.

Digitale Firmen - analoge Behörden

Der Skandal um Wirecard zeigt auch, das Deutschland inzwischen in vielem hinterher hinkt. Die Autohersteller haben den Trend zur Elektromobilität ebenso herausgezögert, wie die Energieriesen den Wandel zu grünem Strom. Das hat tausende Jobs gekostet und wird weitere Arbeitsplätze vernichten.

Nun also der schnelle Wandel einer immer schneller fortlaufenden Digitalisierung. Wenn Prüfer und Aufsichtsbehörden nicht mit den immer stärker vernetzten Handelsbewegungen und Geldströmen mithalten können, werden sie verlieren. Versäumnisse in der Digitalisierung werden mit einer ganz analogen Währung vergolten, nämlich dem Entzug von Vertrauen.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Juni 2020 um 17:00 Uhr.

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