Kommentar

Organspende Widerspruchsregelung - endlich!

Stand: 01.04.2019 15:23 Uhr

Jedes Jahr sterben 2000 Menschen, weil sie auf ein Spenderorgan warten - aber keines bekommen. Deshalb ist die Widerspruchsregelung sinnvoll. Man hat die Pflicht, über Hilfe nachzudenken.

Ein Kommentar von Horst Kläuser, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Endlich! Die Widerspruchslösung scheint zum Greifen nah. Die beiden großen Parteien, die hier wirklich nochmal fürs Volk sprechen sollten, scheinen dabei zu sein, einen gordischen Knoten zu durchschlagen. Es wurde auch langsam Zeit, denn ist es nicht unerträglich, dass buchstäblich 10.000 Menschen in unserem Land täglich um ihr Leben bangen? Warum? Weil so viele auf den Wartelisten für ein neues Organ stehen, aber nur 1000 Transplantationen durchgeführt werden könnten. 2000 Menschen sterben Jahr für Jahr, bevor man ihnen helfen kann. Das ist eine soziale Wunde.

Wo ist der Spenderausweis?

Natürlich kann man auch heute schon sagen: Ja, ich gebe meine Organe her, wenn ich sterbe, damit ein anderer Mensch leben kann. Doch wo ist das Portemonnaie, wo der Spenderausweis, wenn es soweit ist? Und es muss niemand glauben, dass es ein besonderer Spaß für Ärzte auf der Intensivstation sei, trauernde Partner, Kinder oder Eltern zu belästigen und um eine Niere oder ein Herz zu betteln.

Grausam, ein gesundes Organ zu verbuddeln

Nein, das ist den Angehörigen gegenüber genauso unbarmherzig, wie es grausam ist, ein gesundes, brauchbares Organ einfach zu verbuddeln oder im Krematorium zu verbrennen. Christsein hin, Angst her - letztlich ist ein funktionierendes Organ ein großartiges Geschenk, das man erst nach seinem Tod weitergeben kann, ohne selbst unter irgendeinem Verlust oder Verzicht leiden zu müssen.

Und auch das: Niemand muss in Deutschland fürchten, bei lebendigem Leibe oder auch nur halblebendig ausgeschlachtet zu werden, damit ein reicher Säufer eine neue Leber oder ein Kettenraucher eine neue Lunge bekommt. Dafür haben wir wirksame Gesetze.

So wird durch bessere Bezahlung und Organisation in Krankenhäusern die Basis für Organspenden und -entnahmen verbessert. Ärzte, die nichts mit der Transplantation oder dem Empfänger zu tun haben, stellen den Hirntod des Spenders fest - das einzig wirkliche Kriterium.

Man darf "nein" sagen

Diese Gesetze werden jetzt ergänzt - durch die einfache, unbürokratische Möglichkeit, "nein" sagen zu können. Jeder darf nämlich sagen: "Ich will kein Organ spenden - und gut ist." Jedem mündigen Deutschen kann nach dreimaliger schriftlicher und persönlicher Info zugemutet werden, sich damit zu beschäftigen. Und zu entscheiden. Das ist Selbstbestimmung und reicht. In 20 von 28 EU-Staaten gibt es das schon, und es funktioniert. "Nein" zu sagen, ist deshalb auch kein Makel, sondern Bürgerrecht.

Jeder sollte sich seinen Mitmenschen gegenüber verpflichtet fühlen, darüber nachzudenken, ob sein Tod einem oder mehreren Menschen zu gesundem Leben verhelfen kann. Und das ist schon ein Trost zu Lebzeiten.

Kommentar zur Widerspruchslösung bei Organspenden
H. Kläuser, ARD Berlin
01.04.2019 16:36 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. April 2019 um 16:00 Uhr.

Darstellung: