Rheinland-Pfalz, Mainz: Ein Mitarbeiter des Unternehmens Biontech hält ein Fläschen mit Corona-Impfstoff in der Hand. | dpa
Kommentar

Zulassung von Corona-Impfstoffen Auf Nummer sicher gehen

Stand: 02.12.2020 20:23 Uhr

Bei der Zulassung eines neuen Corona-Impfstoffs müssen Gründlichkeit und Transparenz Vorrang vor Schnelligkeit haben. Denn auf ein paar Tage mehr oder weniger kommt es in Sachen Impfstoff nicht mehr an.

Ein Kommentar von Stephan Ueberbach, ARD-Studio Brüssel

Natürlich ist das eine gute Nachricht, was denn sonst. Zum ersten Mal hat ein Corona-Impfstoff den amtlichen Segen erhalten. Mit der Marktzulassung in Großbritannien für das Medikament aus dem Biontech-Pfizer-Konzern zeigt sich nach den vielen dunklen Monaten dieser Pandemie ein Hoffnungsschimmer, und mehr als das. Die Rückkehr zu einem halbwegs normalen Leben ist damit zwar noch längst nicht abgemachte Sache, sie scheint aber immerhin in greifbarer Nähe zu sein. Das macht Mut. Die Begleitumstände werfen allerdings eine Reihe von Fragen auf.

Stephan Ueberbach ARD-Studio Brüssel

Zum Beispiel, wie es eigentlich zu der ungewöhnlich schnellen Entscheidung der britischen Arzneimittelbehörde gekommen ist, die Gesundheitsexperten, vorsichtig gesagt, für problematisch halten. Schließlich hat der Hersteller Biontech bei der europäischen Agentur gerade erst umfangreiches Datenmaterial über den neuen Wirkstoff eingereicht. Konnten die Experten in London also wirklich schon alle Risiken überprüfen, die möglichen Gefahren und Nebenwirkungen für Risikogruppen wie ältere Menschen oder Patienten mit Vorerkrankungen?

Wettrennen um Impfstoffe wäre falsch

Das Triumphgeheul aus dem Vereinigten Königreich klingt jedenfalls ziemlich schräg. Nicht, weil Premier Boris Johnson von einem "fantastischen Tag" schwärmt, sondern weil andere in der britischen Regierung voller Genugtuung von einem Erfolg sprechen, den nur der Brexit möglich macht. Wie bitte? Erstens ist Großbritannien bis Jahresende noch an viele EU-Vorgaben gebunden, und zweitens haben alle europäischen Staaten die Möglichkeit, wichtige neue Medikamente per Notzulassung auf den Markt zu bringen. Es macht nur keiner. Und das ist auch richtig.

Schließlich haben alle noch in schlechter Erinnerung, wie sich am Anfang der Corona-Pandemie jeder plötzlich selbst der Nächste war. Da wurden Grenzen dichtgemacht, Schutzmasken gehortet, Krankenhausbetten blockiert. Nach dem Motto: Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.

Das, so waren sich alle einig, soll sich nach Möglichkeit nicht wiederholen. Klar ist: Ein internationales Wettrennen um die Impfstoffe wäre grundfalsch. Bei der Entwicklung, noch wichtiger aber: Bei der Zulassung müssen Gründlichkeit und Transparenz her.

Politik darf keine Rolle spielen

Die Menschen müssen den Arzneimitteln schließlich vertrauen. Und das werden sie nur, wenn sie davon überzeugt sind, dass eine Impfung wirksam und sicher ist, und dass bei der Zulassung wissenschaftliche Kriterien den Ausschlag geben und die Politik keine Rolle spielt.

Dieser Verdacht drängt sich in Großbritannien leider auf. Schließlich steht Regierungschef Johnson wegen seiner, sagen wir, nicht immer geradlinigen Corona-Strategie gewaltig unter Druck und ist dringend auf Erfolgsmeldungen angewiesen - auch weil die Brexit-Gespräche mit der EU gerade vor die Wand zu fahren drohen, was zum Jahreswechsel zusätzliches Chaos bedeuten würde.

Wir ertragen die Pandemie inzwischen seit fast einem Jahr. Auf ein paar Tage mehr oder weniger kommt es in Sachen Impfstoff dann auch nicht mehr an. Es wird ohnehin noch eine ganze Zeit lang dauern, bis sich die flächendeckende Wirkung zeigt. Wir sollten also Geduld haben, auf die Entscheidung der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) warten, unnötige Risiken vermeiden und damit auf Nummer sicher gehen. Eigentlich ist das ziemlich britisch.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. Dezember 2020 um 20:00 Uhr.