Soldaten der Bundeswehr laufen über den Appellplatz. | dpa
Kommentar

Angriff auf die Ukraine Phantomdebatte über Rückkehr zur Pflicht-Armee

Stand: 02.03.2022 17:27 Uhr

Nach der sicherheitspolitischen 180-Grad-Wende der Bundesregierung wegen des Ukraine-Kriegs werden Forderungen nach einer Wiedereinführung der Wehrpflicht laut. Die Bundeswehr-Probleme löst das nicht.

Ein Kommentar von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Die Probleme der Bundeswehr mithilfe einer reaktivierten Wehrpflicht zu lösen - das ist in etwa so, als würde man sämtliche Abi-Jahrgänge in Deutschland zu einem Physik-Grundstudium zwingen, weil es an Raketen-Wissenschaftlern fehlt.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Soll heißen: Was die Bundeswehr heutzutage braucht, sind nicht zwangsrekrutierte Grundwehrdienstleistende, die froh sind, nach neun oder zwölf Monaten das Kasernen- endlich gegen ein WG-Bett tauschen zu können. Sondern es braucht hochmotivierte und professionelle Spezialisten, die moderne Waffensysteme auch bedienen können.

Schnelligkeit, Wendigkeit, Cyberabwehr sind heute gefragt, nicht mehr das 500.000-Mann-Heer, das in Kalte-Kriegs-Zeiten ohne High-Tech-Waffen einst abschreckend gewirkt haben mag. Ganz abgesehen davon, dass man Grundwehrdienstleistende nicht in Auslandseinsätze schicken kann.

Kosten gingen in die Milliarden

Wen das noch nicht überzeugt, der dürfte spätestens bei den Kosten ins Grübeln kommen: Zehntausende Wehrpflichtige müssen jährlich ausgestattet, ausgebildet, ernährt und beherbergt werden. Kreiswehrersatzämter würden viel Zeit und Geld darauf verwenden, Spinnweben aus den alten Musterungsstellen zu entfernen. Die Kosten gingen wohl in die Milliarden - und die jungen Männer und Frauen nach ein paar Monaten Bundeswehr vermutlich wieder einem ganz anderen Leben nach.

So notwendig der sicherheitspolitische Epochenwechsel Deutschlands angesichts von Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine ist - so falsch wäre es, den versprochenen 100-Milliarden-Euro-Booster nun an der falschen Stelle anzusetzen.

Abschreckend auf Putin wirken Spezialkräfte mit Munition zum Schießen, hochmoderne Jets, die fliegen und U-Boote, die tauchen. Wehrpflichtige, die durch Felder robben, erfüllen diesen Zweck eher nicht.

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Über dieses Thema berichtete WDR5 Spezial 02. März 2022 um 18:16 Uhr.