Ein Trump-Anhänger bei einer Wahlkampfveranstaltung für einen Senatskandidaten im US-Bundesstaat Ohio. | AFP
Kommentar

US-Kongresswahlen Den Republikanern drohen jetzt Machtkämpfe

Stand: 09.11.2022 20:06 Uhr

Bei den amerikanischen Kongresswahlen blieb der Rückenwind für ein Comeback von Ex-Präsident Trump aus. Die Republikaner müssen sich auf innerparteiliche Machtkämpfe gefasst machen.

Ein Kommentar von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

Die Champagnerflaschen waren in Mar-a-Lago zweifellos kaltgestellt. Allein: Das Knallen der Korken dürfte deutlich gedämpfter geklungen haben, als geplant. Donald Trumps republikanische Partei kann Siege verbuchen, aber keinen Triumph. Die vielbeschworene "rote Welle": Sie ist ausgeblieben. Der Denkzettel an die Adresse Joe Bidens: Er fiel glimpflicher aus als erwartet. Und das geht vor allem mit dem Mann nach Haus, der sich von dieser Wahl erheblichen Rückenwind für sein Comeback versprochen hatte.

Sebastian Hesse ARD-Studio Washington

Das Gesicht von Donald Trump dürfte in der Wahlnacht länger und länger geworden sein: Die handverlesenen Loyalen, die er mit großem Pomp ins Rennen geschickt hatte, zündeten nicht wie erhofft: Fernseharzt Dr. Oz scheiterte in Pennsylvania, die republikanischen Gouverneursanwärter in Michigan, Pennsylvania, Wisconsin und Maryland fielen durch; - womöglich auch die Trump-loyalen Hershel Walker in Georgia und Kari Lake in Arizona. Durchmarsch sieht anders aus. Vor allem aber gab es republikanische Siege, die die Partei entzücken, Trump aber die Laune verhagelt haben dürften.

Trumps Konkurrenten triumphierten

In Georgia gewann souverän Brian Kemp, der sich vor zwei Jahren weigerte, die Präsidentschaftswahl zugunsten Trumps zu drehen und deshalb von Trump politisch vernichtet werden sollte. Und in Florida fuhr Ron DeSantis den fulminantesten Wahlsieg des Abends ein mit seiner triumphalen Bestätigung als Gouverneur. Der DeSantis, der als Trumps schärfster Konkurrent im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur für 2024 gehandelt wird.

Offenbar gibt es in der Republikanischen Partei einen Appetit auf Trumpismus ohne Trump. Nicht nur DeSantis dürfte das Ergebnis als Ermutigung verstehen, Trump tatsächlich bei den Vorwahlen den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Auch Mike Pence hatte auf das richtige Pferd gesetzt: Er unterstützte im Wahlkampf demonstrativ den Trump-Gegenspieler Brian Kemp.

Republikanern drohen innerparteiliche Machtkämpfe

Und so gehen die Republikaner einerseits durch ihre Erfolge gestärkt aus dieser Wahl hervor, aber auch irritiert: Warum blieb ihr Vorsprung unter den Erwartungen? Und ist Trump, mit seiner Fixiertheit auf die Vergangenheit, die verlorene Wahl von 2020, wirklich ein Mann der Zukunft?

Die Oppositionsarbeit der GOP wird einfacher, das Regieren für Biden schwieriger. Doch zuvorderst müssen sich die Republikaner auf innerparteiliche Machtkämpfe gefasst machen. Trumps Dünnhäutigkeit im Umgang mit DeSantis, den er als Ziehkind begreift, spricht Bände. Der starke Mann von Florida dürfte den Dolch schon im Gewande tragen.

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