In Minneapolis versammeln sich Menschen nach dem Urteil im Floyd-Prozess | EPA
Kommentar

Schuldspruch nach Floyd-Tod Ein Urteil für die Geschichtsbücher

Stand: 21.04.2021 08:06 Uhr

Der Schuldspruch gegen Ex-Polizist Derek Chauvin im Floyd-Prozess ist bemerkenswert, bedeutet aber noch lange keinen gesellschaftlichen Wandel. Womöglich wird eine Polizeireform jetzt noch schwieriger.

Ein Kommentar von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

LeBron James, der Basketball-Superstar, hat gestern auf Twitter nur ein Wort geschrieben, in Großbuchstaben: "Accountability". Ein sperriger Begriff, der sich nur ebenso sperrig übersetzen lässt: "Verantwortlichkeit" oder "Rechenschaft". Nicht mal ein Ausrufezeichen hat LeBron James dahinter gepackt, nur: "Accountability".

Katrin Brand ARD-Studio Washington

LeBron James, der voriges Jahr so etwas wie das soziale Gewissen des US-Sports geworden ist, wird dieses Wort sehr bewusst gewählt haben. Da ist ein Mann für sein Tun zur Rechenschaft gezogen worden. Derek Chauvin ist verantwortlich für den Tod von George Floyd. Wäre George Floyd an jenem Tag im Mai nicht Derek Chauvin begegnet, würde er jetzt noch leben. So einfach ist das. Und deshalb muss Derek Chauvin nun vermutlich sehr lange ins Gefängnis.

Amerika schaut hin

Ein Vorgang, der in einem Rechtsstaat sehr alltäglich ist. Weil aber Derek Chauvin ein weißer Polizist und George Floyd ein schwarzer Mann ist, weil das Ganze in den USA spielt, wo die Polizei nur selten für ihr Tun zur Rechenschaft gezogen wird und weil in den USA überproportional viele schwarze Menschen durch die Hand von Polizistinnen und Polizisten sterben, ist das Urteil in Minnesota eins für die Geschichtsbücher.

Amerika schaut hin, das bedeutet dieses Urteil. Die Polizei schaut hin, was die eigenen Leute tun, auch dafür steht dieses Urteil. Dass Polizistinnen und Polizisten im Prozess gegen den eigenen Kollegen ausgesagt haben, allein das war eine kleine Sensation.

Kein Grund zum Jubeln

LeBron James und sein nüchterner Ein-Wort-Kommentar sagen aber auch, dass es keinen Grund zum Jubeln gibt. Denn Rechenschaft ist nicht das gleiche wie Gerechtigkeit oder Sühne oder Gleichheit.

Präsident Joe Biden hat das Urteil ganz richtig als "Schritt vorwärts auf dem Marsch zur Gerechtigkeit" genannt. Aber mit dem, was er nun als "echten Wandel" und "echte Reformen" erreichen will, wird es eben schwierig. Viele Amerikanerinnen und Amerikaner, vor allem aus dem konservativen Lager, halten Rassismus für ein überwundenes Phänomen, die Sklaverei für ein getilgtes Übel und Chancengleichheit zwischen Schwarz und Weiß für ein erreichtes Ziel. Und sie glauben auch, dass die Polizei Schwarze und Weiße gleich behandelt.

Die Lebenserfahrung von Menschen mit schwarzer Hautfarbe ist aber eine andere: bewusste Ausgrenzung und Herablassung, ungleiche Startchancen, kein Vertrauen in den amerikanischen Rechtsstaat.

Womöglich wird es schlimmer

Wie sollen diese unterschiedlichen Welten über eine Polizeireform oder gar gesellschaftlichen Wandel diskutieren?

Wenn es ganz schlecht läuft, könnte das Urteil von gestern diesen Prozess sogar noch schwieriger machen. Weil der Rechtsstaat gezeigt hat, dass er funktioniert, könnte nun der Druck sinken, ihn zu verändern. Keine guten Aussichten für die Familien von Breonna Taylor, Jacob Blake, Daunte Wright, Adam Toledo oder all den anderen, die immer noch auf Rechenschaft und Gerechtigkeit warten. Denn auch das darf man nicht vergessen: Die Beweislast gegen Derek Chauvin war machtvoll und das Video über das Sterben von George Floyd war erschütternd. So eindeutig sind die anderen Fälle bei weitem nicht.

In Minnesota ist ein Polizist ist zur Rechenschaft gezogen worden. Mehr ist nicht passiert. Aber: Amerika hat hingeschaut und kann nun nicht mehr wegschauen.

 

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. April 2021 um 07:05 Uhr.