Kommentar

Kein Deal für Afghanistan Trump hat sich verspekuliert

Stand: 08.09.2019 13:54 Uhr

US-Präsident Trump ging es bei den Gesprächen mit dem Taliban nicht um das Schicksal Afghanistans, sondern um den US-Abzug. Der Westen darf das Land nicht allein lassen.

Ein Kommentar von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi

Die Hoffnung der Afghanen auf ein bisschen Frieden ist geplatzt. Die Gespräche zwischen den USA und den Taliban wurden abgesagt. Der Dealmaker Donald Trump war offensichtlich nicht zufrieden mit dem, was sein Sondergesandter, Zalmay Khalilzad, in monatelangen Verhandlungen in Doha erreicht hat.

Die USA waren den Taliban weit entgegengekommen, von einem Teilabzug der US-Truppen war die Rede. Fünf US-Militärstützpunkte in Afghanistan sollten aufgegeben werden und rund 5000 US-Soldaten sollten demnächst in die USA zurückkehren. Doch für die Taliban war das offenbar nicht genug. In den vergangenen zwei Wochen, also in der Schlussphase der neunten, entscheidenden Gesprächsrunde in Doha, verstärkten sie ihre Angriffe in mehreren Provinzen des Landes. Sie überfielen die strategisch wichtige Provinzhauptstadt Kundus im Norden Afghanistans und griffen Stellungen der afghanischen Streitkräfte in zahlreichen anderen Regionen an.

Und selbst in der Hauptstadt schlugen sie zu, während in Doha bekanntgegeben wurde, man stehe kurz vor einer Einigung.

Trump ging es um den Abzug

Zwei Anschläge in Kabul in einer Woche, mit vielen Toten, darunter auch ein US-Soldat. Diesen toten US-Soldaten nannte Trump nun als Grund für das Ende der Gespräche. Dabei war schon längst klar, dass der Doha-Deal keinen Frieden bringen würde und später mal als der schlimmste Deal aller Zeiten bezeichnet werden könnte.

Trump hat sich in Afghanistan verspekuliert. In den monatelangen Gesprächen mit den Taliban, ging es dem US-Präsidenten vor allem um den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan und den positiven Effekt, den dieser Abzug auf seinen Wahlkampf für seine Wiederwahl haben würde. Das künftige Schicksal Afghanistans spielte da nur eine untergeordnete Rolle.

Die Zukunft Afghanistans

Nun kommt es darauf an, aus dem Scheitern der Gespräche mit den Taliban die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ein Abzug ohne Abkommen, also ein No-Deal-Exit, wäre eine Katastrophe. Denn ohne internationale Unterstützung sind die afghanischen Streitkräfte noch längst nicht in der Lage, für Sicherheit im Land zu sorgen.

Und ohne wirtschaftliche und politische Unterstützung aus dem Westen, kann die afghanische Regierung, ob unter Präsident Ashraf Ghani oder einem anderen, die großen sozialen, gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen der kommenden Jahre wohl kaum alleine meistern.

Jetzt kommt alles auf die Präsidentschaftswahl an. Sie wurde schon mehrmals verschoben in diesem Jahr, mit Rücksicht auf die Friedensgespräche in Doha. Nach deren kläglichen Ende dürfen die Wahlen nicht auch noch scheitern, weil sonst die Zukunft Afghanistans als demokratischer Staat, nach westlichem Vorbild, endgültig abgeschrieben werden müsste.

Rückzugsort für Terroristen

Sehr viel hat der Westen in den vergangenen Jahren in das Land investiert. Viele Menschen sind gestorben, Soldaten und Zivilisten, damit nach der Herrschaft der radikal-islamischen Taliban, auch die Afghanen Freiheit und Menschenrechte genießen können, die auf der Grundlage der Charta der Vereinten Nationen in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgeschrieben sind.

Der Westen muss nun dazu beitragen, dass die für Ende September geplanten Wahlen stattfinden und ein Erfolg werden. Er muss Druck aufbauen auf die Nachbarländer Afghanistans, allen voran Pakistan, um den Taliban und anderen Terrorgruppen im Land den Nachschub abzuschneiden.

Sonst wird das Land am Hindukusch wieder ein Schauplatz endloser Machtkämpfe von Warlords und Terrororganisationen und ein Rückzugsort für Terroristen, die Anschläge im Westen planen und ausführen. Kurz vor dem Jahrestag von 9/11, dem Anschlag auf das World Trade Center in New York, käme dies einer Kapitulation vor dem internationalen Terrorismus gleich.

Kommentar: Afghanistan - Hoffnung auf Frieden geplatzt
Bernd Musch-Borowska, ARD Neu-Delhi
08.09.2019 12:14 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. September 2019 um 20:00 Uhr.

Darstellung: