Anhänger von US-Präsident Donald Trump auf Staten Island. | REUTERS
Kommentar

Sturm auf das Kapitol Trump wird ein Machtfaktor bleiben

Stand: 07.01.2021 03:10 Uhr

Trumps Anhänger sind bereit, ihrem Idol mit jedem Mittel zu seinem vermeintlichen Recht zu verhelfen. Sie sind die Machtbasis, mit der Trump den Republikanern über die Präsidentschaft hinaus seinen Willen aufzwingen kann.

Ein Kommentar von Arthur Landwehr, ARD-Studio Washington

Wenn es eines letzten Beweises bedurfte, hier ist er: Donald Trumps Fähigkeiten darf man nicht unterschätzen, sein strategisches Vermögen, seine Konsequenz und Hartnäckigkeit. Lange vor ihm hat kein Politiker mehr seine Anhänger emotional so an sich binden und überzeugen können wie er. Mit größter Präzision und demagogischem Können putscht er sie auf, bringt sie dazu, für ihn zu kämpfen.

Arthur Landwehr ARD-Studio Washington

Vier Jahre lang ist es ihm gelungen, mit seiner Sprache, seinen Themen und seinem untrüglichen Gespür für die Gefühlslage verunsicherter Menschen deren Seelen zu erreichen. Mehr als 73 Millionen Menschen hat Trump davon überzeugt, dass sie von arroganten Eliten in Politik, Wirtschaft und Medien betrogen und ihrer Würde beraubt werden und er ihnen diese Würde zurück gibt. Dafür sind sie ihm dankbar, dafür haben sie ihn gewählt, und dafür kommen sie nach Washington, um jetzt ihm, ihrem Helden, zu helfen.  

"Wird er die Geister wieder los, die er rief", fragt man gern in einer solchen Situation. Die Antwort für Trump ist klar: Er will sie nicht loswerden, im Gegenteil. Die Millionen, die fest daran glauben, dass er der rechtmäßig gewählte Präsident der Vereinigten Staaten ist, sind seine Machtbasis für die Zukunft. So wie er mit ihm zujubelnden Massen die republikanische Partei während seiner Amtszeit unter Druck gesetzt und von ihm abhängig gemacht hat. Es wird immer deutlicher, dass Trump dies auch als Ex-Präsident fortsetzen wird: Seine Wählerbasis nutzen, um der Partei seinen Willen aufzudrücken. Die ersten Reden im Kongress bei der Debatte zur Bestätigung von Joe Biden als Präsident haben überdeutlich gemacht, dass er damit die Republikaner bereits jetzt unversöhnlich gespalten hat.

Tief gespaltene Republikaner

Erstaunlicherweise war es Mitch McConnell, Trumps verlängerter Arm im Senat, der mit dem abgewählten Präsidenten brach, noch dazu in einer tiefgründigen, die demokratischen Traditionen der USA verteidigenden Rede. Einer, der sich plötzlich wieder daran zu erinnern scheint, wofür Politiker gewählt worden sind, und welche Verantwortung für die Gesellschaft sie tragen. Auf der anderen Seite stehen diejenigen um den Texaner Ted Cruz, die aus Angst vor ihren Wählern Trump zu kopieren versuchen und jeden Respekt vor der Wahrheit, Demokratie und ihren Institutionen verloren haben. Sie sind bereit, alles zerstören zu lassen, wofür die Vereinigten Staaten einmal standen - für Freiheit, Gesetz und auf Zeit verliehene Macht. Sie weigern sich oder sind bereits zu verblendet, um das zu tun, was jetzt ihre Pflicht wäre: sich einem Mann entgegen zu stellen, der Macht gegen das Gesetz und die Verfassung an sich reißen will.

Sie werden aber auch von Trump lernen müssen. Er hat ihnen einen Spiegel vor Augen gehalten, den sie nicht mehr ignorieren dürfen, wenn die etablierte Politik auch nur den Ansatz einer Chance haben will, die Gesellschaft wieder zu vereinen. Sie haben sich gemeinsam mit den selbsternannten urbanen Eliten von einem großen Teil der Menschen im Land entfremdet. Nur wenn die sich wieder ernst- und wahrgenommen fühlen, wenn sie sich wieder als Teil des Landes und seiner Zukunft erkennen, wird es keinen neuen Donald Trump geben.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 07. Januar 2021 um 05:33 Uhr.