Donald Trump | AP
Kommentar

Trump nach dem Impeachment Die Erosion hat begonnen

Stand: 15.02.2021 06:47 Uhr

Ex-US-Präsident Trump und seine Anhänger mögen den Freispruch im zweiten Amtsenthebungsverfahren zwar feiern. Doch der Abnabelungsprozess der Republikaner von Trump hat begonnen.

Ein Kommentar von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

Es kam, wie es kommen musste. Erwartungsgemäß ist Donald Trump auch bei seinem zweiten Amtsenthebungsverfahren freigesprochen worden. Nicht schuldig! Wieder steht er in Siegerpose da. Trumps Anhänger sehen sich in zwei zentralen Glaubenssätzen bestätigt: Die Feinde ihres Idols wollen nicht nur ihn, sondern vor allem auch sie mit allen Mitteln vernichten. Aber glücklicherweise ist der Übermensch Trump unbesiegbar. Der Triumph im Impeachment-Verfahren verstärkt alle rechten Mythen, die sich um Donald Trump ranken. Man könnte also resigniert meinen, die fünf Verhandlungstage waren nicht nur für die Katz, sondern sogar kontraproduktiv.

Sebastian Hesse ARD-Studio Washington

Aber halt, das geht dann doch etwas zu schnell. Denn eines ist der Klägerseite unbestritten gelungen: Ihre Präsentation im Senat hat der Nation zwischenzeitlich den Atem geraubt. Vor allem die eindringlichen Bilder aus den Video-Einspielern gingen unter die Haut. Vieles davon ist nie zuvor zu sehen gewesen: Videoclips von Teilnehmern am Sturm auf das Kapitol, mitten aus dem Geschehen, oder Aufnahmen der Bodycams von Polizisten. So nahe dabei, so dicht dran, war zuvor niemand gewesen, der nicht selber vor Ort war. Diese Bilder haben sich eingebrannt in das kollektive Gedächtnis der Amerikaner. Sie waren so mächtig, dass die Trump-Verteidiger ins Stolpern kamen - und öffentlich einräumten, dass die Präsentation der Anklage brillant war.

An der Basis perlen die Beweise ab

In ihrer Abscheu beim Anblick dieser rohen Gewalt sind sich über die Parteigrenzen hinweg alle einig in den USA. Doch diese Abscheu hat sich eben nicht automatisch übersetzt in eine Schuldzuweisung an die Adresse Trumps. Bei den Senatoren, die Trump freisprachen, überwog die Angst, dass Trump rachsüchtig ihre Karrieren ruinieren könnte, wenn ihm ein Comeback gelingt, dass ihre Partei keine Wahlen mehr gewinnt, wenn sie die Wählerschichten verprellt, die Trump für sie erschlossen hat. Noch hat der Ex-Präsident seine Partei fest im Griff. Zwei Drittel aller Republikaner glauben ihm seine Mär vom Wahlbetrug.

Was aber eine langfristige Wirkung haben könnte, ist, dass die schockierenden Aufnahmen nie für sich standen: Sie waren stets verknüpft mit dem Anblick des wütenden Präsidenten, wie er schäumt und tobt. Zwei Bildstrecken, die sich nicht so leicht trennen lassen. An Trumps fanatischer Basis perlt das ab - aber womöglich nicht an seinen moderateren Wählern. Seit einer Weile trauen sich erste Trump-kritische Republikaner aus der Deckung - nicht zuletzt die sieben Senatoren, die mit den Demokraten für eine Verurteilung Trumps gestimmt haben. Und einer, der Trump freisprach, Fraktionschef McConnell, entlastete umgehend sein schlechtes Gewissen mit der Empfehlung, Trump vor einem Strafgericht anzuklagen.

Hier hat ein Erosionsprozess begonnen, langsam zwar, aber spürbar. Und den dürfte das Impeachment-Verfahren durchaus verstärkt haben. Mehr war für die Demokraten nicht drin. Aber immerhin das.

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. Februar 2021 um 13:13 Uhr.