Protest in Myanmar | dpa
Kommentar

Myanmar Dem Militär Waffen und Geld entziehen

Stand: 28.03.2021 14:55 Uhr

Mehr als 100 Tote allein gestern in Myanmar - die Gewalt des Militärs gegen Zivilisten zu verurteilen, reicht längst nicht mehr, meint Lena Bodewein. Stattdessen sollten der Armee Geld und Waffen entzogen werden.

Ein Kommentar von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Ein Tag des Mordens - wenn es das ist, was General Min Aung Hlaing unter einem Feiertag der Streitkräfte versteht, dann muss der Samstag ihm Freude bereitet haben. 114 Menschen haben seine Soldaten getötet - einige der Opfer standen vor einer Polizeiwache und forderten friedlich und unbewaffnet die Freilassung ihrer Freunde. Kinder, fünf, sieben, elf oder 13 Jahre alt - sie alle starben, als das Militär anscheinend von einem Blutrausch befallen wurde.

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

Blutrausch mit Ansage

Dass die Welt sich jetzt schockiert zeigt und starke Worte der Empörung wählt, das wirkt wohlfeil und zahnlos und auch verlogen. Denn das war ein Blutrausch mit Ansage. Seit Wochen wurde vermutet, dass der Oberbefehlshaber sich für den Feiertag der Armee ein Ende der Proteste wünscht, dass er es durch Schüsse und Bomben, durch Töten und Morden erreichen will, dass ihm keine Grausamkeit zu scheußlich ist, wenn nur endlich dieser lästige Widerstand gegen seinen schönen Putsch aufhört. Nicht, dass der ihm noch den Feiertag verdirbt.

In einem Höhepunkt des Hohns hat General Min Aung Hlaing verkündet, dass "die Armee der ganzen Nation die Hand reichen" wolle, um die Demokratie zu schützen, sie wollten die Menschen schützen und den Frieden im Land wieder herstellen. Jemanden zu schützen und jemanden zu töten, das ist nicht so leicht zu verwechseln.

Etablierte Demokratien schauen zu

Das gilt aber nicht nur für das Militär von Myanmar. Das gilt auch für all jene, die jetzt die Gewalt verurteilen und ein Ende des Blutvergießens fordern. Das ist viel zu wenig. Das ist kein Verhindern des Unrechts. Das ist Abwarten und Hinschauen, wie tagtäglich Menschen ihr Leben verlieren. Die Menschen in Myanmar opfern ihr Leben für Freiheit und für die Idee der Demokratie, während andere etablierte Demokratien weiter zulassen, dass ihre Firmen Geschäfte mit den Generälen machen.

Russland und China spielen mit offenen Karten, sie haben ihre Vertreter zum feierlichen Tag der Armee geschickt - "wahre Freunde" seien sie, so General Min Aung Hlaing. Zumindest machen sie keinen Hehl daraus.

Die Militärchefs von zwölf Ländern haben die Gewalt der Militärjunta jetzt verurteilt - das könnte den General als Obermilitär in seiner Ehre treffen. Aber er legt sowieso nur Wert auf die Zusammenarbeit mit den Armeen in Südostasien oder mit dem Militär Russlands und Chinas - und von denen gehört keiner zu den zwölf Unterzeichnern des Armeeaufrufs zum Ende der Gewalt.

Taten statt Worte

Will sagen: Solange das Militär in Myanmar nicht empfindlich getroffen wird, solange man ihm nicht Waffen, Geld und sonstige Ressourcen entzieht, solange sind alle Aufrufe und mahnende Worte nichts wert.

Und solange sind nicht nur die Freiheit und Demokratie Myanmars in Gefahr: Es steht auch jede andere Demokratie auf dem Prüfstand, die sich gerade entwickelt, die entsteht, die noch jung ist, die schwach ist. Denn wenn die anderen Demokratien der Welt das Militär von Myanmar gewähren lassen, lädt das nicht nur andere Potentaten ein, mit Gewalt die Freiheit zu zertrampeln. Es ist auch für alle Demokratien eine einzige Bankrotterklärung, unterzeichnet mit dem Blut der Burmesen.

 

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. März 2021 um 14:00 Uhr.