Olaf Scholz und die SPD-Spitze beim Parteitag  | dpa
Kommentar

SPD-Bundesparteitag Zwischen Chance und Untergang

Stand: 09.05.2021 18:25 Uhr

Scholz wirbt mit seiner Regierungserfahrung - und überrascht mit Selbstironie und Bissigkeit, meint Georg Schwarte. Die Partei hat der einst Verschmähte hinter sich - doch wird das am Ende reichen?

Ein Kommentar von Georg Schwarte, ARD-Hauptstadtstudio

Respekt, Olaf Scholz. Der Mann kann sogar überraschen. Als Redner. Er will mit "Leib und Seele" kämpfen, mit "Herz und Verstand" für Respekt in unserer Gesellschaft. So viel Emotion war länger nicht bei diesem Olaf Scholz, der es leid sei, als Junior nur das Schlimmste zu verhindern. Leid, die Kohlen aus dem Feuer holen zu müssen.

Georg Schwarte ARD-Hauptstadtstudio

Respekt, Olaf Scholz. Der Mann kann sogar Attacke. Dass Konservative statt wie früher Maß und Mitte jetzt "Maaßen und Maskenschmu" verkörpern. Olaf Scholz legt los. Schluss mit Zaudern und Klein-Klein. Sagt er. Der Mann will führen und dass er es kann, wusste dieser Scholz - wie meistens - etwas früher als alle anderen.

Respekt, Olaf Scholz. Der Mann ist auch selbstironisch. Der Baumarkt-Spruch stimme: Es gebe immer was zu tun. "Wir müssen in Gang kommen." Keine Partei wisse dass so gut wie die SPD. In Gang kommen, das muss sie wohl, Deutschlands älteste Volkspartei. Hohe Zeit dafür.

Seriöse Langeweile

"Auf den Kanzler kommt es an." Zitiert Scholz da ausgerechnet einen Jahrzehnte alten Unionsspruch. Auf ihn also. Sein Pfund: Seriöse Langeweile. Jeder wird gut schlafen können mit diesem Olaf Scholz im Kanzleramt. Keine Frage. Dass die meisten auf dem Weg mit dem Kandidaten Scholz ins Kanzleramt vor Langeweile einschlafen - geschenkt.

Niemand hat so viel Regierungserfahrung. Auch damit wirbt Scholz. Aber diese SPD hat eben auch eine andere Regierungserfahrung machen müssen. Dass nämlich ein guter Job im Maschinenraum der Macht nicht einzahlte aufs Habenkonto. Dankbarkeit - keine Währung in der Wahlkabine.

 "Wir müssen vom Wollen ins Machen kommen", sagt deshalb Parteichefin Esken. "Man muss nicht nur wollen, man muss auch können", sagt Arbeitsminister Heil mit Blick auf die Grünen. Die SPD aber hat die Erfahrung gemacht, dass man Wollen und Können kann, so viel man will und kann, wenn die Wählerinnen und Wähler einen am Ende nicht lassen.

SPD könnte untergehen - oder den Kanzler stellen

Es gehört zu den Skurrilitäten dieser Zeit, dass ausgerechnet eine SPD, die programmatisch so gut aufgestellt ist wie selten, die so geschlossen zusammenhält wie kaum zuvor, die einen Kanzlerkandidaten hat, dem jeder den Satz "Ich kann Kanzler" sofort glaubt - dass ausgerechnet diese SPD die Perspektive hat, geschlossen unterzugehen in der Bedeutungslosigkeit einer Zehn-Prozent-Plus-Partei.

Und es gehört zu den Skurrilitäten dieser Zeit, dass es genauso gut sein kann, dass diese SPD am Ende doch den Kanzler stellt.

Der Scholz-Zug fährt gerade erst los

Spannende Zeiten. Der Schulz-Zug entgleiste 2017 spektakulär. Der Scholz-Zug fährt gerade los. "Die Zukunft braucht die SPD", hat Generalsekretär Lars Klingbeil selbstbewusst erklärt. Umgekehrt ist es derzeit aber etwas wahrscheinlicher: Die SPD braucht eine Zukunft. Der Parteitag könnte dafür Blaupause gewesen sein oder eben das Vermächtnis einer Partei, die zu lange in Großen Koalitionen dem ehrenhaften Motto folgte: Erst das Land, dann die Partei.

Die Sozialdemokraten setzen jetzt alles auf Scholz. 96,2 Prozent Zustimmung. Es ist die Ironie der Geschichte. Nie ging es der SPD schlechter und noch nie war dieser Olaf Scholz beliebter in seiner eigenen Partei als jetzt. Spannende Zeiten. Im September hat Deutschland die Wahl.

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