Jens Spahn | REUTERS
Kommentar

Corona-Pandemie Aus der Spur - Spahn macht Fehler

Stand: 24.02.2021 18:49 Uhr

Gesundheitsminister Spahn befindet sich während der Corona-Krise im Dauereinsatz - und er macht seine Sache nicht schlecht. Nun aber ist er mit dem schnellen Versprechen kostenloser Tests vorgeprescht. Das war ein Fehler.

Ein Kommentar von Barbara Kostolnik, ARD-Hauptstadtstudio

Jens Spahn ist beim Jonglieren der vielen Pandemie-Bälle ins Schleudern geraten. Er hat sich böse verrechnet, als er kostenlose Schnelltests für alle versprach. Das ist wie mit Freibier: Wer verspricht, muss auch liefern. Wer das nicht kann, ist ein Maulheld. Nun hat Spahn in dieser Pandemie bislang jegliches Maulheldentum unterdrücken können. Bis zur Sache mit den Tests. Und das ist ärgerlich und dumm.

Barbara Kostolnik ARD-Hauptstadtstudio

Der Bundesgesundheitsminister befindet sich seit dem Ausbruch der Seuche in Deutschland im Dauereinsatz - und wenn man sich das Management der Krise vor Augen führt, dann macht er seine Sache nicht schlecht.

Keine Leichenberge, keine Triage

Deutschland muss anders als andere Länder wie Italien, Frankreich oder die USA keine Bilder von Corona-Leichenbergen verdauen. Triage-Traumata - also Entscheidungen, wer medizinisch versorgt wird und wer nicht mehr - konnten bisher glücklicherweise weitestgehend verhindert werden. Drei Impfstoffe sind zugelassen, erste Selbst-Schnelltests auch.

Ja, es geht zu langsam mit dem Impfen, aber das hat nicht Spahn zu verantworten, sondern die EU-Kommission, die zu wenig bestellt hat, und die Bundesländer, die die Termine nicht koordiniert bekommen. Spahn könnte also einigermaßen entspannt bleiben.

Vorpreschen kostet Glaubwürdigkeit

Nun aber scheint dem Bundesgesundheitsminister, der schon oft in dieser Krise um Geduld und Verständnis geworben hat - unter anderem mit seinem mittlerweile geflügelten Wort vom "einander verzeihen müssen" -, selbst die Geduld abhanden zu kommen.

Der Jens Spahn der Pandemie war bislang ein überlegter, vorsichtiger, zurückhaltender Minister, der sich trotz des großen Drucks stets um größtmögliche Transparenz und Aufrichtigkeit bemühte. Dass er jetzt, ohne sich mit den Ländern abzusprechen, bei den Schnelltests vorpreschte und ohne Not vollmundig zum ersten März kostenlose Tests für alle versprach, weil er sich davon gute Presse und allgemeines Lob erhoffte, kostet Spahn einiges an Glaubwürdigkeit: Diese Tests nämlich wird es so schnell nicht geben. 

SPD spricht vom "Ankündigungsminister"

Und es bietet eine offene Flanke für diejenigen, die händeringend ein Wahlkampfthema suchen. Die SPD ruft prompt "Ankündigungsminister". Das wird kleben bleiben und erschwert die Bekämpfung der Pandemie, bei der Vertrauen und Zuverlässigkeit die einzig sicheren und stabilen Werte sind. Spahn hätte lieber nichts versprochen, was er nicht halten kann. Er sollte sich nicht noch einmal hinreißen lassen, für einmal schnelles Schulterklopfen seine Glaubwürdigkeit zu opfern. 

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. Februar 2021 um 20:00 Uhr.