Jens Spahn | AFP
Kommentar

Debatte über Impf-Booster Der planlose Minister

Stand: 03.11.2021 18:26 Uhr

Gesundheitsminister Spahn prescht nun auch beim Thema Booster vor: Alle sollten sich ein drittes Mal impfen lassen. Einwände von Medizinern scheren ihn nicht. Wieder einmal agiert der Minister ohne Plan.

Ein Kommentar von Angela Tesch, ARD-Hauptstadtstudio

Jetzt sollen sich also alle Deutsche ein drittes Mal impfen lassen. Und zwar schnell. Einwände von Experten - allen voran von der Ständigen Impfkommission - halten Gesundheitsminister Jens Spahn nicht auf. Das seien ja nur Empfehlungen! Es dauert dem ungeduldigen Minister viel zu lange, bis sie ausgesprochen sind.

Angela Tesch ARD-Hauptstadtstudio

Die Politik müsse vorsorglich handeln, sagt er. Dabei weiß noch keiner, wie schnell die Covid-Abwehrstoffe wirklich nachlassen. Fünf Monate nach der doppelten Impfung oder sechs? Braucht wirklich jeder und jede eine Auffrischung?

Kampagne in Heimen lief zu spät an

Das alles verwirrt und verunsichert das impfbereite Publikum. Statt diese neue "Impf-Sau" durchs Land zu treiben, wäre mehr ministerieller Einsatz bei den Auffrischungen der Hochbetagten in den Alten- und Pflegeheimen nötig gewesen. Dort sterben wieder Menschen, weil die Kampagne für sie zu spät anlief.

Der Minister hat auch keinen Plan, um die immer noch viel zu vielen Ungeimpften zu überzeugen. Seit eine Umfrage die hartnäckige Ablehnung von Impfgegner belegt hat - ohne Aussicht auf einen Meinungsumschwung - ist außer Appellen von der Regierung nicht mehr viel zu hören.

Auch Kritik hält Spahn nicht auf

Aber auf allen Kanälen soll jetzt für die Auffrischungs-Impfungen geworben werden. Spahn kann nicht aus seiner Haut. Immer muss er vorpreschen, er hält das Land mit Ankündigungen in Atem, immer muss er das Tempo bestimmen und überhaupt der Erste sein. Das geht gelegentlich auch schief: Erinnert sei nur an Masken-Deals, an vorschnelle Impfangebote oder die überehrgeizigen Schnelltest-Zusagen.

Mit einem Plan wäre das nicht passiert. Schuld sind dann meist die anderen. Auch Kritik hält Spahn nicht auf. Selbst wenn sie so geharnischt daherkommt, wie gerade von Ärztevertretern. Die Politik solle sich aus den Impfungen raushalten und die Ärzte ihre Arbeit machen lassen, grantelt der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Andreas Gassen vor der versammelten Hauptstadtpresse.

Gut gemeint sei nicht immer gut gemacht, ist noch das Netteste, was er dazu zu sagen hat. Spahn nimmt es sportlich. Dass er sich mit Ärztevertretern treffen will, zeugt von Nehmerqualität. Aber er kann auch austeilen: "Zu viele Impfwillige fänden derzeit keinen Arzt, der sie impft." So spielt er den Ball an die Ärzte zurück.

Vertrauen in die Hausärzte

Spahn hatte den Plan, die Deutschen gut durch die Pandemie zu bringen. Er war das Regierungsgesicht, der Maßnahmen-Erklärer in den letzten 20 Monaten. Das hat dank des extremen Einsatzes von Ärztinnen, Pflegern, Schwestern, Rettungskräften und Impfzentren-Betreibern und vielen Milliarden Euro ganz gut geklappt.

Gegen das gelegentliche Chaos beim Bestellen von Masken und Schutzanzügen, beim Testen oder der Impfterminvergabe, beim hektischen Freiräumen von Krankenhausbetten zulasten anderer wichtiger Behandlungen hätte ein Plan geholfen. 

Was immer die Regierungen von Bund und Ländern jetzt zum Boostern planen, sollten die Bürger und Bürgerinnen ihren Hausärzten vertrauen. Die klären auf und impfen. Weil sie es können und weil sie einen Plan haben.

 

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Dieser Beitrag lief am 03. November 2021 um 18:35 Uhr auf NDR Info.