Kommentar

Caputova in der Slowakei gewählt Eine Präsidentin auf der Höhe der Zeit

Stand: 31.03.2019 16:52 Uhr

Der Mord an dem Journalisten Kuciak hat die Slowakei nachhaltig verändert. Die künftige Präsidentin Caputova kommt da zum richtigen Zeitpunkt, meint Peter Lange. Denn die Anwältin steht für Integrität und Glaubwürdigkeit.

Ein Kommentar von Peter Lange, ARD-Studio Prag

Als ihr Wahlsieg feststand, entzündete Zuzana Caputova als erstes eine Kerze an dem improvisierten Mahnmal für Jan Kuciak und Martina Kusnirova in Bratislava. Ein starkes Signal, denn es zeigt, weshalb die Rechtsanwältin in die Position gekommen ist, die sie Mitte Juni offiziell übernehmen wird.

Der Mord an dem Journalisten und seiner Verlobten hat viele Menschen nicht ruhen lassen. Sie sind immer wieder für eine anständige Slowakei auf die Straßen gegangen und haben einen grundlegenden politischen Wandel verlangt.

Länder wie USA und Brasilien zeigen, wie es schlecht läuft

Historische politische Umbruch-Situationen suchen sich ihr Führungspersonal selbst. Wie es aussieht, wenn es schlecht läuft, lässt sich zurzeit an vielen Ländern ablesen: USA, Brasilien, Philippinen, Italien, Großbritannien. Die Liste ist beliebig erweiterbar.

Wenn es gut läuft, sind Leute wie Vaclav Havel zur Stelle - damals vor 30 Jahren in der Tschechoslowakei - oder jetzt Zuzana Caputova: Authentisch, aber eben auch integer, glaubwürdig, klar und demokratisch. Es ist eben kein Naturgesetz, dass die Unzufriedenheit der kleinen Leute mit "denen da oben" immer ins nationalistische oder rechtsextremistische Fahrwasser münden muss.

Für die Slowakei ist es ein Glücksfall, dass in dieser Phase des beginnenden Umbruchs diese Frau bereitstand, um der weit verbreiteten Frustration und der Enttäuschung über den politischen Zustand des Landes Gesicht und Stimme zu geben. Wenn es gut läuft, dann kann sie nun allein durch ihren eigenen Stil die politische Kultur in der Slowakei verbessern. Das wäre nicht wenig in diesem affärengeplagten Land, in dem es häufig recht ruppig zugeht zwischen Regierung, Opposition und Medien.

Nur repräsentative Aufgaben

Aber trotzdem ist es zunächst nicht mehr als eine Chance, die auch das Potenzial zum Scheitern hat. Zuzana Caputova ist nicht die Chefin der Exekutive, sie übernimmt ein Amt mit überwiegend repräsentativen Funktionen. Und sie steht einer Regierung gegenüber, die ihr nicht übertrieben freundlich gesonnen sein wird. Es ist davon auszugehen, dass sie auch Erwartungen enttäuschen muss. Allerdings hat die Opposition besonders außerhalb des Parlaments viel Geduld und einen langen Atem bewiesen.

Auch wenn die Wahlbeteiligung unter 50 Prozent lag, was die Skepsis vieler mit dem politischen System überhaupt zum Ausdruck bringt: Die demokratische Slowakei ist seit dem Mord an Jan Kuciak vor gut einem Jahr an sich selbst gewachsen und hat mit der Wahl eine Reifeprüfung bestanden.

Tschechiens Zeman sieht alt dagegen aus

Mit der 45-jährigen Anwältin kommt eine Person ins höchste Staatsamt, die nicht einmal mehr von kommunistischen Jugendsünden belastet ist. Auch insofern ist das eine Zäsur, denn es ist die heutige Generation 50 plus, die nach 1989 oftmals clever und rücksichtslos und vor allem mit dem Insiderwissen ihrer Eltern aus der kommunistischen Nomenklatura jene oligarchischen Strukturen aufgebaut hat, die sich dann der Wirtschaft und der Politik bemächtigt haben.

Deshalb werden nun auch viele Menschen in Tschechien mit etwas Sehnsucht und Neid zu den slowakischen Brüdern und Schwestern schauen. Die bekommen jetzt eine Präsidentin auf der Höhe der Zeit, die das Amt angemessen ausfüllen kann. Dagegen sieht Milos Zeman, der alte Provokateur und Zyniker auf der Prager Burg, gefangen in den Vorstellungen der 1970er- und 1980er-Jahren, noch mal um einiges älter aus.

Caputovas Sieg - Glück und Chance für Slowakei
Oeter Lange, ARD Prag
31.03.2019 19:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. März 2019 um 17:15 Uhr.

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