Kommentar

Giftanschlag auf Ex-Spion Viele Theorien, kein Beleg

Stand: 15.03.2018 11:53 Uhr

Steckt Russland hinter dem Anschlag in Salisbury? Ja, sagt die britische Regierung - und verbündete Staaten auch. Aber in dem Fall gibt es viele Spekulationen - doch Beweise fehlen.

Ein Kommentar von Sabine Stöhr, ARD-Studio Moskau

Zunächst ein Blick auf die Fakten: In Großbritannien gab es einen Anschlag. Offenbar mit dem Ziel, zwei Menschen zu töten. Mit einem sehr speziellen, hochgefährlichen Nervengift. Dazu eins, das in der Sowjetunion entwickelt wurde und damit sofort eine Spur nach Russland legt.

Folgt die Frage: Wer hat etwas von so einem Anschlag? Da gibt es verschiedene Antworten. Alle sind reine Spekulation. Die erste: Der Anschlag wurde von Wladimir Putin gelenkt. Um den Konflikt zwischen Russland und dem Westen zu verschärfen. Das könnte den Präsidenten Putin kurz vor den Wahlen innenpolitisch auf ein Podest stellen. Weil er dasteht als jemand, der Russland souverän verteidigt und seine Bevölkerung vor dem Feind beschützt. Das ist unter anderem die These von Oppositionspolitiker Alexej Nawalny.

Spekulation der russischen Opposition

Und tatsächlich wird die russische Führung nicht müde, die Vorwürfe aus London immer wieder als Provokation zu bezeichnen. Russland solle auf diese Weise vom bösen Westen diskreditiert werden.

Aber auch, wenn Nawalny oft schon Recht hatte mit seinen Vermutungen - mit dieser eher nicht. Der russische Präsident sucht international nach Anerkennung. Ein weiterer Konflikt würde ihn noch mehr isolieren. Der Vorteil für Russland erscheint hier unwesentlich.

Eine weitere Spekulation: Russland braucht Geld, vor allem Devisen. Die Oligarchen bringen ihren Reichtum seit Jahren in die sicherere City of London. Jetzt gibt es Sanktionen. Aus Angst könnten die Oligarchen ihre Milliarden packen, um nach Russland zurückzukehren. Das würde Putin helfen. Ganz klar Vorteil Russland. Aber warum der Anschlag jetzt - so kurz vor den Wahlen?

Kreml wird unberechenbar

Bleibt noch die These: Putin hat direkt gar nichts mit dem Anschlag zu tun. Sondern es waren die russischen Geheimdienste im Alleingang. Hm. Was ist das denn dann für ein Staat? Was ist da dann los im Kreml? Und warum? Möglicherweise rumort es in Putins innerem Kreis ja. Machtspiele. Sicherung von Anerkennung. Und eine Gruppe möchte Putin sozusagen ein Geschenk machen.

Alles das kann sein. Und verheißt nichts Gutes. Ähnlich wie in Sowjetzeiten wird der Kreml seit ein paar Jahren wieder zum unbekannten Wesen. Darüber hinaus: unberechenbar. Auszuschließen ist nichts. Und: Der Westen traut Russland derzeit auch Vieles zu.

Im Zweifel für den Angeklagten

Genau hier heißt es momentan aber mal innezuhalten. Denn in der Tat hat Großbritannien bislang keine Beweise für eine mögliche russische Schuld vorgelegt. Und da hat Außenminister Sergej Lawrow mit seiner Forderung nach solchen Fakten durchaus recht.

Zudem reiht sich der Fall des Ex-Agenten Skripal in den Fall Staatsdoping und Beeinflussung der Wahlen in den USA ein. Auch hier verdächtigt der Westen Russland - nach Ansicht Moskaus ohne belastbare Beweise.

Das heißt nicht, dass es Russland nicht zuzutrauen wäre, es in allen Fällen nicht einfach unglaublich geschickt angestellt zu haben. Aber auch dafür gibt es keine Beweise…

Kommentar: Fall Skripal - Wer hat was davon?
Sabine Stöhr, ARD Moskau
15.03.2018 11:08 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. März 2018 um 13:41 Uhr und Deutschlandfunk um 07:19 Uhr.

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