Kommentar

Wirecard-Skandal Glaubwürdigkeit von Scholz ist angekratzt

Stand: 08.10.2020 03:20 Uhr

Der SPD-Kanzlerkandidat Scholz kämpft im Wirecard-Skandal um seine Glaubwürdigkeit. Doch die Strategie des Politikers könnte nicht aufgehen. Sein Image hat bereits Schaden genommen.

Ein Kommentar von Evi Seibert, ARD-Hauptstadtstudio

So ein ganzes Jahr als Kanzlerkandidat kann ganz schön hart sein. Jeder Fauxpas wird von den politischen Konkurrenten genüsslich ausgeschlachtet. Im Fall Wirecard hat sich Olaf Scholz deswegen für die Doppel-Taktik entschieden: ein eigenes Gegen-Feuerwerk zu zünden und den politischen Konkurrenten mit ins angeschlagene Boot zu ziehen.

Im Eiltempo hat er weitreichende Reformen für die Finanzaufsicht erarbeiten lassen und gestern in einer großen Pressekonferenz verkündet, noch bevor sich heute der Wirecard-Untersuchungsausschuss konstituiert. Botschaft: "Fehler erkannt, Fehler gebannt".  Ob das auf sein Krisenmanager-Konto einzahlen wird, ist noch unklar.

Teil zwei der Taktik: Scholz belastet auch den Regierungspartner. Denn bei Wirecard hat nicht nur sein Finanzministerium geschlafen, sondern auch das CDU-geführte Wirtschaftsministerium, das für das Versagen der Wirtschaftsprüfer gerade stehen muss. Dazu kommt noch das Kanzleramt, das in China Werbung für Wirecard gemacht und Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg als Edel-Lobbyisten empfangen hat.

Strenge Maßstäbe

Diese Rechnung des Finanzministers hat nur einen Schönheitsfehler: Weder der aktuelle Wirtschaftsminister Peter Altmaier noch Angela Merkel wollen 2021 Kanzler werden, beziehungsweise bleiben.

Ihnen können diese Vorwürfe also weniger anhaben als Scholz, dem SPD-Kanzlerkandidaten. An Scholz werden - zu Recht - strenge Maßstäbe angelegt.

Nicht nur Wirecard

Es geht ja nicht nur um Wirecard. Es geht auch um den Cum-Ex-Skandal. Und selbst wenn diese beiden Wirtschaftsaffären hoch kompliziert sind und Normalbürger bis ins Detail gar nicht durchblicken: Die Menschen können trotzdem einschätzen, wie sich Scholz verhält. Und wenn ein Mann, der sich sonst in alle Details einarbeitet, ein glänzendes Gedächtnis hat und das gerne auch allen vorführt, plötzlich von schweren Erinnerungslücken geplagt ist und nur scheibchenweise zugibt, was sich sowieso nicht mehr verleugnen lässt - dann gibt das kein gutes Bild ab.

Solange ihm weder bei Wirecard noch bei Cum-Ex rechtswidriges Verhalten konkret nachgewiesen werden kann, wird er weitermachen. Die SPD hat sowieso keinen anderen, den sie vorschicken könnte. Sie setzt auf sein Image als seriöser Finanzminister mit langer Regierungserfahrung. Genau dieses Image - und auch die Glaubwürdigkeit von Scholz - sind zumindest angekratzt.

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Oktober 2020 um 06:00 Uhr.

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