Kommentar

Geld für Missbrauchsopfer Eine vertane Chance

Stand: 05.03.2020 18:29 Uhr

Die Kirche will die Missbrauchsopfer entschädigen - aber sie geht dabei nicht an ihre Schmerzgrenze. Die Summe ist zu gering, und ein starkes Signal der Versöhnung bleibt damit aus.

Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung, BR

Die deutschen Bischöfe hätten Geschichte schreiben können - mit der Entscheidung, Missbrauchsopfer großzügig zu entschädigen. 300.000 Euro - als diese Summe vor einem halben Jahr in Fulda zum ersten Mal genannt wurde, war die Überraschung groß. Noch nie wurden in Deutschland Entschädigungen in dieser Größenordnung diskutiert.

Widerstände waren zu erwarten

Zum ersten Mal gab es so etwas wie Lob für die Bischöfe in diesem epochalen Skandal. Dafür, dass sie sich mit einer solchen Summe überhaupt auseinandersetzen wollen. Auch damals war klar, dass die Bischofskonferenz über diese Empfehlung der von ihr eingesetzten unabhängigen Arbeitsgruppe noch beraten muss.

Es war klar, dass es Widerstände geben würde. Die Evangelische Kirche war entsetzt, weil sie unter Zugzwang wäre, ähnliche Beträge auszuschütten. Die Ordensgemeinschaften klagten: "Wir gehen pleite, wenn wir solche Summen aufbringen müssen." All das wäre sicherlich lösbar und vermittelbar gewesen.

Hoher symbolischer Wert

Aber die deutsche Kirche ist eine reiche Kirche. Und die hochgerechnete Gesamtsumme von einer Milliarde Entschädigungsleistungen hätte einen hohen symbolischen Wert gehabt. Das unendliche Leid, das Vertreter der Kirche Minderjährigen und Schutzbefohlenen angetan haben, lässt sich ohnehin nicht entschädigen.

Aber wenn die Kirche bei der Entschädigung der Opfer an ihre Schmerzgrenze gegangen wäre, wäre das ein starkes Signal der Versöhnung gewesen. Das bleibt nun aus. Das ist eine vertane Chance. All die klugen Entscheidungen, die die Bischofskonferenz in Mainz gefasst hat, geraten so in den Schatten der Zahlenangaben.

Einige vorbildliche Maßnahmen ...

Dass eine unabhängige, zentrale Stelle die Schmerzensgelder auszahlt, ist sinnvoll. So vermeidet die Kirche, dass die Betroffenen noch einmal zu Bittstellern bei Diözesen und Orden werden. Ein Fonds wird aufgesetzt, in den je nach Leistungsvermögen Klöster und Bistümer einzahlen. So helfen die Stärkeren den Schwächeren. Die Kirche übernimmt weiter Therapiekosten und bereits ausgezahlte Beträge werden nicht auf das Schmerzensgeld angerechnet.

... aber am Ende bleibt ein "nur"

Wer schon einmal Ansprüche bei der Kirche angemeldet hat, muss sich nicht erneut einer belastenden "Plausibilitätsprüfung" unterziehen. Das sind vorbildliche Maßnahmen, an vielen Punkten springt die Kirche da über ihren Schatten.

Aber am Ende bleibt ein "nur": Statt einer Entschädigung von 300.000 Euro gibt es maximal "nur" 50.000 Euro Schmerzensgeld.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. März 2020 um 15:00 Uhr.

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