Ein Archivbild zeigt Ex-US-Präsident George W. Bush bei einem Telefonat im Weißen Haus. | AFP
Kommentar

9/11-Jahrestag Westen hat die falschen Schlüsse gezogen

Stand: 11.09.2021 03:50 Uhr

Der Westen habe aus den Terroranschlägen vom 11. September 2001 falsche Lehren gezogen, meint Torsten Teichmann. Mit dem "Krieg gegen den Terror" seien letztendlich Freiheit und Werte beschädigt worden.

Ein Kommentar von Torsten Teichmann, ARD-Studio Washington

Es fühlt sich an, als bliebe die Zeit stehen, wenn die Namen der Opfer in New York verlesen werden. Wenn in der US-Hauptstadt Washington und in Shanksville in Pennsylvania Menschen zum Gedenken zusammenkommen. Die Erinnerung an die Terroranschläge, an den Schock, die Gewalt und die Traumata, ist in diesem Moment eine nationale Aufgabe.

Torsten Teichmann ARD-Studio Washington

Privat vergeht für Hinterbliebene der fast 3000 Todesopfer und die Überlebenden der Angriffe kein Tag, an den sie nicht an den 11. September denken. Aus Respekt ihnen gegenüber hält das ganze Land inne - so wie Menschen überall auf der Welt. Aus Respekt ihnen gegenüber müssen wir 20 Jahre danach aber auch einräumen, dass wir die falschen Schlüsse aus den Angriffen gezogen haben.

Der Westen erlag einer Art Hybris

Die Rückkehr der Taliban in Afghanistan erscheint wie ein Spiegel, in dem wir uns selbst nicht mehr erkennen und fragen, wie konnte das passieren? Und es heißt "wir", weil die USA nicht allein davon betroffen sind, auch wenn Europa immer wieder gern so tut. Einer internationalen Koalition dienten die Terroranschläge vom 11. September in der Folge als Rechtfertigung für Kriege; der erklärte Krieg gegen den Terror zusammen mit dem Einmarsch in Afghanistan.

Die Gewalt rechtfertigte in den USA später den Überfall auf den Irak, mit der Begründung, Diktator Saddam Hussein habe Massenvernichtungswaffen. Der Westen als Gewinner des Kalten Krieges erlag einer Art Hybris: Ziel war es nicht länger, nur die Drahtzieher der Attentate zur Verantwortung zu ziehen, sondern die Welt entsprechend der eigenen Interessen zu formen - getarnt mit dem Versprechen auf Demokratie und Menschenrechte weltweit.

Freiheit, Werte und Vertrauen selbst beschädigt

Im Inneren diente die Angst vor weiteren Anschlägen islamistischer Terroristen dagegen als Rechtfertigung, genau diese Demokratie einzuschränken, zu überwachen, auszugrenzen; zuletzt in Washington auch für einen Einreisestopp für Menschen aus einigen mehrheitlich muslimischen Ländern in die USA. Xenophobie und übertriebener Nationalismus haben für Amerikaner muslimischen Glaubens das Leben unsicherer gemacht. Eine ganze Bevölkerungsgruppe wurde dämonisiert.

Dabei wird seit 20 Jahren immer wieder gesagt, Terroranschläge seien ein Angriff auf unsere Freiheit und unsere Werte. Wer nicht an unserer Seite steht, ist gegen uns, verkündete US-Präsident George W. Bush 2001. Doch mit dem folgenden "Krieg gegen den Terror" haben wir letztendlich Freiheit, Werte und Vertrauen selbst beschädigt.

Fehlende Glaubwürdigkeit kostet Menschenleben

Die Kriege waren vor allem ein Billionen-Geschäft für Sicherheitsdiente und Rüstungsindustrie. Mit den Folterungen von Abu Ghraib und dem Gefangenenlager Guantánamo haben die USA und der Westen zudem politischen Kontrahenten wie Russland und China eine Vorlage geliefert, um westliche Werte generell in Frage zu stellen. Politikern war auch innenpolitisch jedes Mittel Recht, um den Kurs nicht korrigieren zu müssen. Vertrauen ging verloren.

In den USA bringt die fehlende Glaubwürdigkeit mittlerweile Menschen um: Im Kampf gegen die Corona-Pandemie versagt das Land, weil sich die Bevölkerung nicht mehr einigen kann, was richtig ist und was falsch.

US-Präsident Biden behauptete nach der Rückkehr der Taliban an die Macht und der Niederlage des Westens, die afghanische Regierung und die afghanischen Sicherheitskräften seien Schuld für den schnellen Machtwechsel. Das ist eine weitere Lüge. Die vergangenen 20 Jahren haben gezeigt, dass sich Fanatismus eben nicht mit militärischer Überlegenheit und Drohnenschlägen bekämpfen lässt. Es wäre aus Respekt gegenüber den Opfern an der Zeit, das einzugestehen.

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