Susanne Hennig-Wellsow | dpa
Kommentar

Rücktritt von Hennig-Wellsow Am Richtungsstreit gescheitert

Stand: 20.04.2022 21:26 Uhr

Die Linken-Co-Chefin Hennig-Wellsow räumt ein, "nicht geliefert" zu haben: Eine ebenso bittere, wie richtige Selbsterkenntnis. Nur ein echter Neuanfang kann die zerstrittene Linkspartei jetzt noch retten.

Ein Kommentar von Matthias Deiß, ARD-Hauptstadtstudio

Die, die einst einem mit AfD-Stimmen ins Amt gewählten Ministerpräsidenten in Thüringen ihren Blumenstrauß vor die Füße warf, hat jetzt das Handtuch geworfen. Nach nur 14 Monaten im Amt - als erkennbar frustrierte Vorsitzende, die in ihrer Abschiedserklärung einräumt, "nicht geliefert zu haben".

Matthias Deiß ARD-Hauptstadtstudio

Es ist eine Selbsterkenntnis, die ebenso bitter wie richtig ist. Denn gemeinsam mit ihrer Co-Vorsitzenden ist es Hennig-Wellsow eben nicht gelungen, den Richtungsstreit zu befrieden. Zwischen jenen Linken, die sich stärker an urbanen Wählerschichten orientieren, und jenen, die um jeden Preis verlorene Stammwähler im Osten zurückgewinnen wollen. Ostalgie, Nostalgie, linksliberaler Lifestyle - die Linke bleibt zerstritten. Mit sich selbst beschäftigt statt mit dem Wähler. Auch nach Putins Angriff auf die Ukraine folgte zu wenig glaubwürdige Aufarbeitung der eigenen Russlandpolitik, dafür viel Anlass zum Fremdschämen.

Kaum noch wahrnehmbare politische Stimme

Das Resultat: Als kaum noch wahrnehmbare politische Stimme rettete sich die Partei 2021 nur mit Ach und Krach in den Bundestag. Vor wenigen Wochen im Linken-Stammgebiet Saarland ein noch größeres Wahldebakel nach dem Parteiaustritt von Oskar Lafontaine.

Nicht "ich", sondern "wir" haben zu wenig geliefert, schreibt die scheidende Vorsitzende. Und: nicht "ich", sondern "die Partei" hat Defizite im Umgang mit Sexismus - braucht nicht "ein" neues Gesicht, sondern "neue Gesichter". Ein deutlicher Fingerzeig auf die Co-Vorsitzende. Hennig Wellsows Rücktritt könnte also nicht der letzte gewesen sein. Möglicherweise aber ist er die letzte Chance für die Linke. Denn ohne echten Neuanfang droht der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit.

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Über dieses Thema berichten die tagesthemen extra am 20. April 2022 um 23:00 Uhr.