Chinesische Tennisspielerin Peng Shuai (Archivbild: 21.01.2021) | AP
Kommentar

Fall Peng Shuai Eine weltfremde Aktion des IOC

Stand: 22.11.2021 17:26 Uhr

Chinas Staatsmedien versuchen mit einer Video-Offensive zu vermitteln, dass alles in Ordnung sei mit der vermissten Tennisspielerin Peng. Dass sich dafür auch das IOC einspannen lässt, ist skandalös. 

Ein Kommentar von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Dass das Internationale Olympische Komitee einen Kuschelkurs mit der chinesischen Staats- und Parteiführung fährt, ist seit Jahren bekannt. Doch mit dem, was sich das IOC vergangenes Wochenende geleistet hat, übertrifft es sich selbst.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Wer in den vergangenen Tagen auch nur minimal Nachrichten gelesen oder gehört hat, weiß, unter welch wahnsinnigem Druck Peng Shuai stehen muss. Anfang des Monats hatte sie online einen schweren Vorwurf erhoben: Sie sei vor einigen Jahren vom ehemaligen chinesischen Vize-Ministerpräsidenten Zhang Gaoli vergewaltigt worden.

Peng Shuais Online-Posting gelöscht

Damit hat die chinesische Tennis-Profisportlerin eine absolute rote Linie überschritten: Denn führende Spitzenkader der kommunistischen Staatsführung anzugreifen, ist in der Volksrepublik tabu. Entsprechend wurde Peng Shuais Online-Posting nach rund einer halben Stunde gelöscht, ihre Social-Media-Konten wurden eingefroren. Nichts und niemand in China berichtet seitdem über den Fall. Peng Shuai wurde von der Staats- und Parteiführung zum Schweigen gebracht.

Nun hat sich kein Geringerer als IOC-Chef Thomas Bach zu einer 30-minütigen Videoschalte mit der chinesischen Tennis-Spielerin eingelassen. Das ist skandalös, denn er musste nach allem, was bekannt ist, davon ausgehen, dass sich Peng in ihrer derzeitigen Situation niemals aus freien Stücken und ohne Druck äußern kann.

In den vergangenen Jahren ist immer wieder bekannt geworden, dass Chinas Sicherheitsbehörden eigene Staatsbürger unter Druck setzen, um so Aussagen und vermeintliche Geständnisse zu erpressen. Immer wieder machen nicht-staatliche Organisationen auf diese Praxis aufmerksam. Dass das IOC und Thomas Bach das ignoriert haben und sich stattdessen von Chinas staatlicher Propaganda haben einspannen lassen, ist skandalös.

Breitangelegte Kampagne Chinas

Chinas staatliche Auslandsmedien versuchen seit Tagen, mit einer breit angelegten Kampagne zu vermitteln, dass alles in Ordnung sei mit Peng Shuai. Dabei ist offensichtlich das Gegenteil der Fall. Dass Peng nach ihrem ungeheuerlichen Vergewaltigungsvorwurf gegen den früheren Spitzenpolitiker unter der direkten oder indirekten Aufsicht der chinesischen Staatssicherheit steht, ist offensichtlich.

Mutiges WTA-Vorgehen

Es ist gut, dass der Frauentennis-Weltverband WTA seit Tagen vehement genau darauf aufmerksam macht. Dass die WTA offen damit droht, künftig keine Tennis-Turniere mehr in China auszutragen und somit auf viel Geld zu verzichten, ist konsequent, mutig und bemerkenswert.

Das Internationale Olympische Komitee macht genau das Gegenteil. Es hat mit seiner jüngsten Aktion noch einmal unterstrichen, dass es völlig naiv sowie weltfremd ist - und dazu noch absolut unkritisch gegenüber Chinas kommunistischer Staatsführung.

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 22. November 2021 um 22:15 Uhr.