Annalena Baerbock und Robert Habeck | AFP
Kommentar

Nach Grünen-Parteitag Viel Harmonie, wenig Selbstkritik

Stand: 13.06.2021 19:49 Uhr

Der Parteitag der Grünen ist zu Ende gegangen - mit viel Zustimmung für die Parteispitze und Kanzlerkandidatin Baerbock. Über die Fehler im Wahlkampf wurde wenig gesprochen - ein Versäumnis, meint Claudia Plaß.

Ein Kommentar von Claudia Plaß, ARD-Hauptstadtstudio

Die Ansprache machte deutlich, worum es den Grünen geht. Robert Habeck wandte sich in seiner Rede an "meine Damen und Herren". Das Signal, das damit von diesem Parteitag ausgehen soll, lautet: Die Grünen wenden sich an die Breite der Gesellschaft. Soweit so logisch, für eine Partei, die regieren will.   

Claudia Plaß ARD-Hauptstadtstudio

Die entscheidende Frage, die sich nun stellt, lautet: Schaffen die Grünen den Spagat zwischen dem Anspruch, Wählerinnen und Wähler in der Mitte zu gewinnen und gleichzeitig die eigenen Freundinnen und Freunde vor allem an der linken Basis nicht zu verlieren? Das bleibt auch nach diesem Parteitag die Herausforderung für die Grünen. Es geht um Glaubwürdigkeit.

Aussicht auf Regierungsbeteiligung schweißt zusammen

Dieser Parteitag hat gezeigt: Die Aussicht, an der Regierung beteiligt zu sein oder sogar das Kanzleramt zu besetzen, schweißt die Grünen zusammen. Die Basis ist offenbar willens, sich dem Gestaltungsanspruch unterzuordnen und Kröten zu schlucken. Maximalforderungen stehen nicht im Wahlprogramm, und trotzdem adressiert es die zentralen Fragen, die die Politik beantworten muss: Klimawandel, Umbau der Wirtschaft, soziale Spaltung.

Der Bundesvorstand hat sich in den strittigen Punkten durchgesetzt, harte Debatten sind ausgeblieben. Es ist offensichtlich: Die Basis wollte, dass Baerbock und Habeck gestärkt aus dem Parteitag hervorgehen, die 98,5 Prozent Zustimmung für beide machen das deutlich.

Grüne müssen sich an eigenen Maßstäben messen lassen

Ein Problem mit der Glaubwürdigkeit der beiden haben die Delegierten, wenig überraschend, offensichtlich nicht. Und trotzdem gehört zur Glaubwürdigkeit auch der Umgang mit Fehlern - und der ist auf dem Parteitag zu kurz gekommen.

Verspätet gemeldete Nebeneinkünfte, die Debatte um Benzinpreise, ein mehrfach korrigierter Lebenslauf: Vor allem Annalena Baerbock hat wirklich dumme Fehler gemacht. Es reicht nicht, dass sie in ihrer Rede nur in einem Satz darauf eingegangen ist. Denn gerade eine Partei, die transparent und glaubwürdig sein will, muss sich an den eigenen moralischen Maßstäben messen lassen. Zur Glaubwürdigkeit gehört aber auch der Umgang mit Fehlern.

Für die Grünen bedeutet das: Sie müssen viel offensiver auch mit möglichen künftigen Pannen umgehen. Und vor allem müssen sie ihre Politik besser erklären, wenn sie nicht nur die eigenen Leute erreichen wollen.

Nach außen und innen streitbar bleiben

Mehr Offensive, das gilt übrigens auch für den Umgang mit der politischen Konkurrenz. Die Grünen werden nur glaubwürdig sein, wenn sie sich nicht in der Konsenssuche verlieren, sondern nach außen und nach innen streitbar bleiben. Bei allem berechtigten Anspruch auf Fairness müssen sie mehr auf Mut und Angriffslust setzen. Schließlich ist es das, was die Grünen auch ausmacht. Selbstbewusst genug dürften sie sein nach diesem Parteitag.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Juni 2021 um 20:00 Uhr.