Eine Frau, die sich Klebebandstreifen mit der Aufschrift "219a" auf den Mund geklebt hat. | HAYOUNG JEON/EPA-EFE/REX
Kommentar

Aufhebung von Paragraf 219a Weg vom Tabu

Stand: 17.01.2022 19:38 Uhr

Die geplante Aufhebung des Paragrafen 219a löst das medizinische Versorgungsproblem bei Schwangerschaftsabbrüchen nicht. Aber sie ist ein Anfang, das Thema nicht länger zu tabuisieren.

Ein Kommentar von Julie Kurz, ARD-Hauptstadtstudio

"Wir müssen das Recht der Gegenwart anpassen", sagt der Justizminister heute. Als Frau und als Mutter sage ich: stimmt, endlich. Man muss sich das nochmal vor Augen führen: In einer Gesellschaft, in der eigentlich ein Informationsüberfluss herrscht, gab es bis dato in dem Bereich des Schwangerschaftsabbruchs ein Informationsdefizit.

Julie Kurz ARD-Hauptstadtstudio

Bei einer so wichtigen Entscheidung konnten sich Schwangere ausgerechnet nicht bei Ärztinnen und Ärzten online informieren, wie der Schwangerschaftsabbruch aussieht, welche Nebenwirkungen es gibt, wie der rechtliche Rahmen ist. Ärztinnen und Ärzte machten sich sonst strafbar. Sieht so eine aufgeklärte Gesellschaft aus?

Demütigend und entwürdigend

Die jetzige Situation ist demütigend und entwürdigend für Frauen, die sowieso schon in einer seelischen wie körperlichen Ausnahmesituation sind. Denjenigen, die jetzt befürchten, Frauen könnten sich nun einfach mal so, weil es dazu online "Werbung" gibt, für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, sei gesagt: Keine Frau bricht eine Schwangerschaft einfach mal so ab. Es sind vielfältige Gefühle und Gedanken, die sie umtreiben.

Und häufig sind die Frauen damit ganz alleine, zur Abtreibung müssen sie dann teilweise Hunderte Kilometer fahren. Auch weil es in Deutschland immer weniger Frauenärztinnen und -ärzte gibt, die Abtreibungen vornehmen.

Ärztinnen und Ärzte werden stigmatisiert, sie haben Angst vor Hetze und Bedrohung. So weit ist es gekommen. Die Aufhebung des Paragrafen 219a löst das medizinische Versorgungsproblem nicht. Aber es wäre ein Anfang. Ein Anfang, das Thema nicht länger zu tabuisieren.

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 17. Januar 2022 um 22:00 Uhr.