Kommentar

Papst Franziskus und Papst Benedikt XVI. | Bildquelle: imago images/Independent Photo A

Benedikt und der Zölibat Schlag in die Magengrube

Stand: 13.01.2020 16:13 Uhr

Das Beharren von Ex-Papst Benedikt XVI. kommt für Papst Franziskus zur Unzeit. Für die Reformer ist es gar ein Schlag in die Magengrube - ganz besonders für die deutschen.

Ein Kommentar von Anja Würzberg

Ein betagter Herr im wohlverdienten Ruhestand vertritt die Meinung, dass verheiratete Männer Gott nicht hingebungsvoll dienen und deshalb keine Priester sein können. "Ist uns egal", könnten die deutschen Katholiken denken - ist es aber nicht.

Denn der zurückgetretene deutsche Papst Benedikt XVI. trägt weiterhin eine weiße Soutane, die eigentlich dem Papst vorbehalten ist. Er demonstriert mit seiner selbstbewussten Kleidung, dass er als "Papa emeritus" keinesfalls eine Schattenexistenz neben Papst Franziskus führen möchte - anders als bei seinem Rücktritt 2013 versprochen. Papst Franziskus nimmt es wohl oder übel hin, wie so vieles.

Nun hat es Benedikt also wieder getan: Statt Schweigen und Beten lieber Schreiben und Belehren. Sein Timing ist bemerkenswert. Denn Benedikt fährt Papst Franziskus und allen Katholiken, die sich um eine Modernisierung ihrer Kirche bemühen, gleich doppelt in die Parade.

Franziskus und deutsche Bischöfe abgekanzelt

Erstens kommt Benedikt mit seinem beharrlichen Pochen auf priesterliche Ehelosigkeit Papst Franziskus zuvor. Ihm gebührt eigentlich das erste Wort zu diesem Thema, nachdem die Synodenväter auf der Amazonassynode im Herbst mehrheitlich beschlossen hatten, dass in Gegenden mit großem Priestermangel auch verheiratete Männer die Weihe erhalten sollen. 

Zweitens beeinflusst Benedikt mit seiner Wortmeldung den Synodalen Weg, den die deutschen Bischöfe mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken initiiert haben. In wenigen Tagen beginnt die erste Synodalversammlung in Frankfurt am Main. Für die Teilnehmer, die dort möglichst ergebnisoffen diskutieren wollen, ist die erneute Einmischung des emeritierten Papstes ein Schlag in die Magengrube.

Punktsieg für die Konservativen

Doch nicht alle verziehen schmerzverzerrt das Gesicht. Es gibt auch Bischöfe wie den Kölner Rainer Maria Kardinal Woelki oder den Regensburger Rudolf Voderholzer, die sich jetzt mehr oder weniger verstohlen die Hände reiben dürften. Die Kritiker des Synodalen Wegs können sich in ihrer Haltung bestätigt fühlen, jede Reform der katholischen Kirche sei eine unnötige und schädliche Anpassung an einen vergänglichen Zeitgeist. Ein Zeitgeist, vor dem nicht nur der betagte Emeritus offenbar eine Höllenangst hat, sondern auch konservative Theologen wie Benedikts Privatsekretär Erzbischof Georg Gänswein, der einen enormen Einfluss auf den emeritierten Papst und dessen Bild in der Öffentlichkeit hat.

Deutsche Katholiken sollten sich nicht beirren lassen

Die deutschen Katholiken sollten sich von dieser Angst keinesfalls anstecken lassen, sondern zur Tagesordnung übergehen. Es gibt viel zu tun: Die Bischöfe um Kardinal Reinhard Marx wollen sich beim Synodalen Weg im Zuhören üben. Und da werden sie viele Stimmen hören: Die Stimmen der Priester, die immer größere Gemeinden versorgen müssen, weil der Nachwuchs fehlt. Die Stimmen der wütenden frommen Frauen. Die Stimmen der Missbrauchsopfer. Die vielfältigen Stimmen der Gläubigen, die ihre Kirche gestalten wollen.   

Die Stimme des 92-jährigen Benedikt hingegen ist über die Jahre leise und brüchig geworden. In den stillen vatikanischen Gärten, in denen er seit seinem Rücktritt zu Hause ist, umhegen ihn freundliche Nonnen. Nur gelegentlich bekommt er ausgewählten Besuch, zum Beispiel von Kardinal Robert Sarah. Mit dem hat Benedikt das Buch verfasst, in dem er den Zölibat für römisch-katholische Priester verteidigt. Mit der Veröffentlichung von Auszügen haben die beiden nun einen PR-Coup gelandet.

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 13. Januar 2020 um 16:00 Uhr.

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