Polizisten gehen im Komazawa Olympic Park im japanischen Tokio an den leeren Sitzen der Tribüne vorbei. | dpa
Kommentar

Fan-Ausschluss bei Olympia Japan hatte eine andere Wahl

Stand: 09.07.2021 09:10 Uhr

Die Spiele in Tokio finden nun also doch ohne Zuschauer statt - die Organisatoren verkaufen die Entscheidung als alternativlos. Dabei ist sie Resultat eines völlig verfehlten Corona-Krisenmanagements.

Ein Kommentar von Thorsten Iffland, ARD-Studio Tokio

 "Wir hatten keine andere Wahl", sagte die geknickt wirkende Olympia-Organisationschefin Seiko Hashimoto als sie das verkündete, was nach den vergangenen Wochen ohnehin zu erwarten war: Die Olympischen Spiele in Tokio werden die ersten Geisterspiele der Geschichte. Weder Fans aus dem Ausland, noch maximal 10.000 Japaner, auch keine 5000, nein, niemand darf beim größten Sportevent der Welt live dabei sein. Außer vor dem Fernseher natürlich.

Aber hatten die Veranstalter wirklich keine Wahl? Haben sie alles versucht, um trotz einer Pandemie Olympische Spiele in einem vor allem für die Sportlerinnen und Sportler würdigen Rahmen zu organisieren? Ich finde nicht.

Fan-Ausschluss Ergebnis von Missmanagement

Der Zuschauerausschluss, der selbstverständlich nicht für Sponsoren, IOC-Mitglieder und andere VIPs gilt, ist das Ergebnis eines völlig verfehlten Managements der Corona-Krise im Gastgeberland selbst. Das Virus ist eine Naturgewalt - dafür kann Japan nichts. Aber auch eineinhalb Jahre nach Ausbruch der Pandemie und im Wissen, so ein Großereignis vor der Brust zu haben, immer noch keinen wirklichen Plan zum Schutz der eigenen Bevölkerung zu haben - das ist das Versäumnis, das jetzt auf dem Rücken der Sportler ausgetragen wird. Die sind es nämlich, die beim wichtigsten Wettkampf ihres Lebens ohne die verdiente Unterstützung auskommen müssen.

Denn das wäre, natürlich mit einigen Regeln und sicher nicht so hemmungslos wie teilweise bei der Fußball-EM, möglich gewesen - wenn Japan nicht das Industrieland mit der schlechtesten Impfkampagne weltweit wäre. Wenn außer dem ständigen Tragen von Stoffmasken auch mal andere sinnvolle und auch in Japan vorhandene Werkzeuge zur Pandemiebekämpfung konsequent eingesetzt würden: Selbsttests, Schnelltests, FFP2-Masken oder Kontaktnachverfolgungs-Apps. Und vor allem: wenn schneller geimpft werden würde. 

Bars und Ausgehviertel sind gerammelt voll

Stattdessen belügt man sich lieber selbst. Restaurants mögen doch bitte um 20 Uhr schließen und nach 19 Uhr keinen Alkohol mehr ausschenken. In Wahrheit sind die Restaurants und Bars in Ausgehvierteln wie Shibuya gerammelt voll. Karaoke, Abendessen in großer Runde, Feierabendbier bis zum Umfallen - geht alles. Mit den Freunden am Wochenende in der vollgestopften U-Bahn zum Baseball-Spiel fahren - kein Problem. Dass fast 15.000 Zuschauer statt der erlaubten 5000 da sind - ach egal. Kontrolliert eh keiner.

Ja, auch Japan ist pandemiemüde, und es steht auch und gerade den Menschen in der Hauptstadt zu, mal an was Anderes als an Corona zu denken. Aber so rollt eben die nächste Infektionswelle an - rechtzeitig vor den Spielen. Und für die sorgen einzig und allein die Japaner selbst.

Bevölkerung hat keine Lust auf Olympia

Ein Großteil der Bevölkerung hatte und hat keine Lust auf Olympia. Es ist auch einfach bequemer mit dem Finger auf die anderen zu zeigen: die Ausländer, die Sportler, die Journalisten, die alle ins Land kommen. Sie sind schuld, wenn die Corona-Zahlen ansteigen. Bei allen nachvollziehbaren Ängsten vor dem Virus: Ein bisschen Selbstkritik kann manchmal auch nicht schaden.

Aber woher soll die auch kommen? Japans Premierminister Suga kann jetzt ganz wunderbar von den Fehlern seiner Regierung ablenken. Schließlich ist er es, der sein Volk mit vollem Einsatz vor Corona schützt, weil er Zuschauer verbietet bei Olympia. Kommt garantiert gut an, so kurz vor den Wahlen im Herbst.

Japan hatte eine andere Wahl

Aber eines übersehen Suga und auch viele seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger: Für die Argumentation, dass die Olympischen Spiele für einen Anstieg der Infektionszahlen sorgen werden, gibt es jetzt keine Grundlage mehr. Passiert das am Ende doch - und es wäre nicht verwunderlich -, dann ist Japan, zynisch gesagt, selbst schuld.

Von dieser Debatte können sich die Sportler bei ihrem Karriere-Highlight natürlich überhaupt nichts kaufen. Dabei sein ist alles, sagt man ja so schön bei Olympia. Ja, sie werden auch um Medaillen kämpfen. Aber ansonsten heißt es: Dabei sein wird niemand. Und das ist traurig.

Auch wenn Olympia-Organisationschefin Hashimoto das anders sieht: Doch, Japan hatte eine andere Wahl als diese Geisterspiele.

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 08. Juli 2021 um 22:15 Uhr.