Kommentar

Gruppenbild der NATO-Partner | Bildquelle: AP

NATO-Gipfel Bündnis ohne Kopf

Stand: 12.07.2018 16:46 Uhr

Trumps janusköpfigem Auftritt hat die NATO wenig entgegenzusetzen, meint Holger Romann. Das offenbart einmal mehr die Schwäche des Bündnisses und dass es ihm an Führung fehlt.

Ein Kommentar von Holger Romann, ARD-Studio Brüssel

Gerade nochmal gut gegangen, könnte man seufzen. Die NATO lebt und hat das Rendezvous mit "Hurrikan Donald" mit zwei blauen Augen überstanden. Sämtliche Abschlussdokumente zum künftigen Umgang mit Russland, zur Steigerung der Verteidigungsausgaben und zum Wert enger transatlantischer Beziehungen wurden ohne Änderungen abgenickt. Auch vom zornigen alten Mann aus Washington, der wegen des Streits um die berühmten zwei Prozent zeitweise sogar mit Verlassen des Bündnisses gedroht haben soll. Am Ende pries er die NATO als "stark wie nie zuvor" - dank seines Einsatzes, versteht sich.

"Dr. Jekyll und Mr. Hyde"

Sein Pflichtpensum hat dieser Gipfel absolviert. Zum Aufatmen besteht trotzdem kein Anlass. Auch bei diesem Treffen im neuen NATO-Hauptquartier ist der ungekrönte Twitterkönig Trump seinem zweifelhaften Ruf gerecht geworden. In Brüssel legte der Präsident dasselbe irrlichternde Verhaltensmuster an den Tag, an das man sich inzwischen beinahe schon gewöhnt hat und das er zuletzt auch bei den G7 in Kanada zeigte. Im Stil von "Dr. Jekyll und Mr. Hyde", der Gruselgeschichte über den Mann mit den zwei Gesichtern, keilte er wahlweise wütend aus und verbreitet Fake News, besonders zu Lasten seines Lieblingsopfers Deutschland; um kurz darauf, nach einem Gespräch mit Kanzlerin Merkel wieder lammfromm und zuckersüß von einem "hervorragenden Verhältnis" zu schwärmen.

Der Zweck der Übung ist relativ klar: Der Geschäftsmann Trump, das "sehr stabile Genie", wie er sich selbst vor Journalisten nannte, schüchtert ein, sät Verwirrung, baut maximalen Druck auf, um sein Gegenüber mürbe zu machen, seine Forderung nach mehr Geld durchzudrücken und sich seinem eigentlichen Publikum - den Wählern daheim in den USA - als der taffe Macher zu präsentieren, als der er so gerne gesehen werden will.

Glaubwürdigkeit der NATO beschädigt

Dass er mit solchen Kamikaze-Auftritten der Allianz und dem eigenen Land beträchtlichen Schaden zufügt und langfristig beider Glaubwürdigkeit untergräbt, scheint den Lautsprecher im Oval Office, der Politik nur durch die Brille des eigenen ökonomischen Vorteils sieht, wenig zu scheren. Trumps unheimliche Roadshow beweist vielmehr, dass er nicht versteht, was eine nach außen einig auftretende NATO für die Sicherheit beiderseits des Atlantiks bedeutet, und dass das westliche Bündnis, ein Jahr vor seinem 70. Jubiläum, leider ohne echte Führung - ohne Kopf dasteht.

Wladimir Putin, der kühl berechnende, machtbewusste russische Präsident, den Trump in Kürze in Helsinki trifft, dürfte sich ins Fäustchen lachen. Man darf gespannt sein, wie er den großen Dealmaker über den Löffel balbiert und ob es ihm gelingt, den Riss zwischen Amerika und Europa in seinem Interesse zu vertiefen.

Europa muss sich abnabeln

Nur gut, dass die europäischen Mitglieder der Allianz und offensichtlich auch die meisten Politiker in den USA begriffen haben, was auf dem Spiel steht. Sie wissen, dass ein Abdanken der Supermacht Amerika das Ende der NATO bedeuten würde und für die transatlantische Sicherheit eine Katastrophe. Wahr ist allerdings auch, dass der US-Präsident in einem Punkt gar nicht so verkehrt liegt: Die Lasten im Bündnis sind unfair verteilt, und die Europäer haben sich in militärischen Dingen zu lange einen schlanken Fuß gemacht.

Mit Trump und dessen wiederkehrendem Furor werden Merkel, Macron und Co. noch eine Weile leben müssen. Geduld, sachliche Argumente und ein aufrechter Gang sind hier die Mittel der Wahl. Gleichzeitig sollte Europa mit dem Bekenntnis nach "strategischer Autonomie" endlich ernst machen.

Kommentar: Bündnis ohne Kopf
H. Romann, BR BRüssel
12.07.2018 16:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. Juli 2018 um 16:00 Uhr.

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