Deutsche Soldaten am Flughafen in der Stadt Gao in Mali und sichern ein Transportflugzeug (Archivbild 2019) | dpa
Kommentar

Bundeswehr-Einsatz in Mali Ein Abzug ist nicht zu verantworten

Stand: 20.05.2022 15:54 Uhr

Regierung und Bundestag haben entschieden, dass die deutschen Truppen vorerst in Mali bleiben. Das ist wichtig und richtig. Denn ein baldiger Abzug könnte ähnliche Folgen haben wie in Afghanistan.

Ein Kommentar von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Bloß kein zweites Afghanistan. So lautet die Marschroute der Ampel-Regierung mit Blick auf Mali - vorerst jedenfalls. Denn nach dem Abzug der Bundeswehr vom Hindukusch konnte Deutschland nur noch - ebenso ohnmächtig wie gequält - aus der Ferne zusehen, wie die islamistischen Taliban dort ihren brutalen Durchmarsch an die Macht vollzogen. Und in über zwanzig Jahren mühsam Aufgebautes innerhalb von Tagen in Trümmer legten.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Genau dies würde auch in Mali passieren, wenn die Deutschen, wenn die Vereinten Nationen ihr Marschgepäck schultern und das Land sich selbst überlassen würden. Auch hier würden die islamistischen Terroristen sich ausbreiten, alle Errungenschaften - und seien sie auch noch so klein - der letzten fast zehn Jahre im Sahel-Wüstensand versinken.

Jede Form von Wiederaufbau wäre zum Scheitern verurteilt, die Bevölkerung mehr auf Verderb denn auf Gedeih einer Putschisten-Junta und den Terroristen ausgeliefert. Das muss jeder wissen, der den sofortigen Abzug der Bundeswehr fordert. Ein solcher nämlich wäre nicht nur für die nach Afghanistan ohnehin beschädigte Glaubwürdigkeit des Westens verheerend, sondern eben vor allem für die Krisenregion selbst.

Schlechtere Sicherheitslage im Land

Trotzdem lassen sich einige Dinge nur schwer beschönigen: Auch die Ampel gesteht ein, dass die Sicherheitslage in Mali sich laufend verschlechtert hat. Die Deutschen haben eben jene Militärs mit ausgebildet, die sich gleich zweimal an die Macht putschten.

Und dass eben jene Junta nun auf die Zusammenarbeit ausgerechnet mit russischen Söldnern setzt, ist eine Demütigung sondergleichen. Zumindest eine der beiden Bundeswehr-Missionen, nämlich die EU-Ausbildungsmission EUTM einzufrieren, war daher zwingend geboten.

An der Gesamtlage ändert das wenig: Jene bis zu 1400 deutschen Soldatinnen und Soldaten, die den Vereinten Nationen helfen, können derzeit wohl kaum auf eine entscheidende Wende zum Guten hoffen. Sie können lediglich dazu beitragen, aus der derzeitigen "Patt-Situation" im Kampf gegen die Extremisten kein "Matt" für die ganze Region werden zu lassen. Auch insofern erinnert Mali durchaus an Afghanistan.

Deutsche können Lücke der Franzosen nicht schließen

Schon jetzt lassen sich immerhin einige Lehren ziehen: Der französische Rückzug aus der Anti-Terror-Mission in Mali reißt eine gewaltige Lücke, die zu schließen Deutschland nicht in der Lage ist. Die bald fehlenden Kampfhubschrauber wird die Bundeswehr jedenfalls nicht ersetzen können. Das spricht Bände über die Ausstattung der Truppe - und über die zu Recht immer wieder beklagte Unfähigkeit der Europäer, ohne US-Hilfe selbst für Sicherheit in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zu sorgen.

Afghanistan, Mali und zuletzt der russische Angriffskrieg in der Ukraine - auch die EU-Verteidigungsfähigkeit bedarf in diesen "Zeitenwende"-Zeiten einer Generalüberholung.

Schließlich wäre es wünschenswert, wenn über die genauen Ziele - deutsche wie internationale - des Mali-Einsatzes offen, ehrlich und ungeschminkt diskutiert würde. Genau das hat in Afghanistan stets gefehlt und mit zum Misserfolg dort beigetragen. Und ein zweites Afghanistan sollte in Mali unbedingt vermieden werden.

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Über dieses Thema berichtete BR24 am 20. Mai 2022 um 15:09 Uhr.