Kommentar

Gewalt in Nordirland Tod der Journalistin sollte Weckruf sein

Stand: 19.04.2019 19:33 Uhr

Die Bilder lassen Erinnerungen wieder aufleben: an den blutigen Bürgerkrieg vor mehr als 21 Jahren in Nordirland. Die Politiker müssen sich im Brexit-Streit einigen, meint Anne Demmer. Sonst ist die Gefahr neuer Gewalt groß.

Ein Kommentar von Anne Demmer, ARD-Studio London

Bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen im nordirischen Londonderry ist eine Journalistin ums Leben gekommen. Lyra McKee: Jung, talentiert, sie galt als aufgehender Stern des investigativen Journalismus. Jetzt ist sie tot, sie war zufällig in die Schusslinie geraten. 

Die Polizei geht von einem Terrorakt gewalttätiger Republikaner aus, die Ermittler vermuten, dass die Neue IRA dahintersteckt.

Karfreitag vor 21 Jahren: Friedensabkommen

Das Datum für die gewaltsamen Ausschreitungen hat einen hohen symbolischen Wert. Die 29-Jährige starb am Tag vor dem Osterwochenende. Am Karfreitag vor 21 Jahren wurde das Friedensabkommen unterzeichnet, das den Nordirland-Konflikt beendete. Seitdem herrscht Frieden, aber er ist fragil.

Die Bilder der letzten Nacht, der Tod der jungen Journalistin, lassen alte Erinnerungen an den blutigen Bürgerkrieg wieder wach werden. Straßenschlachten, Terroranschläge: In der britischen Provinz hatten sich jahrzehntelang irisch-katholische Nationalisten und protestantische Loyalisten bekämpft. Mehr als 3500 Menschen sind während des Nordirland-Konflikts ums Leben gekommen.

 Politiker überbieten sich an Betroffenheit

Politiker jeglicher Couleur überbieten sich nun an Betroffenheit. Der Tod der Journalistin sei "schockierend und völlig sinnlos", twitterte PremierministerinTheresa May aus ihrem Urlaub in Wales. Der oppositionelle Labour-Chef Jeremy Corbyn zeigte sich ebenfalls schockiert: Der Vorfall sei eine Erinnerung daran, wie wichtig es sei, den Friedensprozess zu schützen. Und auch die Parteichefin der nordirischen Democratic Unionist Party Arlene Foster verurteilte die Gewalt.

Doch genau diese Politiker, die heute so entsetzt sind, sie müssen nun Verantwortung übernehmen und einen Kompromiss im Brexit-Konflikt finden. Ein No Deal, ein chaotischer Austritt Großbritanniens aus der EU, ist längst nicht vom Tisch. Sollte es bei einem harten Brexit von einem Tag auf den anderen wieder Grenz- und Zollposten geben, wäre das für die irische Insel ein herber Rückschlag. Der freie Personen- und Warenverkehr war für den Frieden entscheidend. Die Angst vor der Rückkehr der Gewalt ist bei vielen groß.

DUP und viele Hardliner stellen sich quer

Doch die kleine nordirische Partei DUP, auf die Mays Minderheitsregierung angewiesen ist, scheint das nicht zu interessieren. Sie weigert sich nach wie vor, den Brexit-Vertrag zu unterschreiben. Sie will den sogenannten Backstop - die Notfalllösung, die eine offene Grenze zwischen dem britischen Nordirland und dem EU-Mitglied Irland gewährleisten soll - am liebsten aus dem Vertrag verbannen. Denn sie befürchtet, dass Nordirland dadurch vom Rest Großbritanniens getrennt wird, einen Sonderstatus bekommt.

Auch viele Brexit-Hardliner stellen sich quer. Doch der Backstop ist nötig, wenn man den Frieden in Nordirland nicht aufs Spiel setzen will. Schon jetzt nimmt die Gewalt in der Region wieder zu, bereits Anfang Januar detonierte eine Bombe in Londonderry.

In den aktuellen Verhandlungen mit der oppositionellen Labour-Partei wird nun auch über eine Zollunion diskutiert. Ein weicherer Brexit, der den Backstop überflüssig machen würde. Auch das wäre eine Möglichkeit. Es gilt nun auf allen Seiten die roten Linien, Starrsinn und machtpolitische Eigeninteressen aufzugeben, für den Frieden in Nordirland. Die Regierung wird sich nach Ostern mit der Opposition wieder an den Verhandlungstisch setzen. Der Tod der jungen Journalistin sollte ein Weckruf sein.

 

Kommentar: Journalistin bei Unruhen in Nordirland getötet
Anne Demmer, ARD London
19.04.2019 19:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. April 2019 um 19:05 Uhr in der Sendung "Kommentare und Themen der Woche".

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