Kommentar

Vorschläge der Leopoldina Ein gewagter Schritt

Stand: 13.04.2020 18:34 Uhr

Die Gesellschaft braucht eine Perspektive - und ein Fahrplan für die Rückkehr zur Normalität muss nachvollziehbar sein. Doch die Vorschläge zu Schulöffnungen sind gewagt.

Ein Kommentar von Lothar Lenz, ARD-Hauptstadtstudio

Deutschland lebt im Ausnahmezustand. Es waren Wissenschaftler, die der Politik die gravierenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens praktisch diktiert haben: die Schließung von Schulen und Universitäten, die Absage von Fußballspielen und Konzerten, die Ausgangssperren und Kontaktverbote. Alles diente dem einen Ziel: Distanz zu schaffen zwischen den Menschen, damit das Virus sich nicht exponentiell vermehren kann und die Zahl der schwerkranken Covid-Patienten beherrschbar bleibt.

Das ist offenbar gelungen, oder besser: Es gelingt zur Zeit, denn die Entwicklung bleibt dynamisch. Deswegen ist es wohl noch zu früh, die Auflagen zu lockern, aber natürlich ist es nicht zu früh, einen Fahrplan zurück zur Normalität zu entwickeln. Auch für die jüngsten Empfehlungen der Leopoldina gilt die Prämisse, dass die Zahl der Neuinfektionen nicht wieder steigen darf. Dass die Krankenhäuser Ressourcen brauchen für diese eigenartige und oft schwere Krankheit, über die wir noch so wenig wissen.

Die Gesellschaft braucht eine Perspektive

Die Wissenschaftler blicken aber auch auf die Schäden, die der Ausnahmezustand in anderen Teilen der Gesellschaft anrichtet. Auf die Gefährdung vieler Wirtschaftsbereiche durch den wegbrechenden Umsatz, oder auf den Stress in den Familien durch die zusätzliche Kinderbetreuung. Der Appell an die Politik lautet deshalb: Wenn die Gesellschaft all das aushalten soll, dann braucht sie eine klare Perspektive, wie lange. Und sie braucht Lockerungen der Auflagen überall da, wo das gefahrlos möglich ist.

Nachvollziehbarkeit ist wichtig bei allen Einschränkungen - und bald auch bei deren schrittweiser Aufhebung. Wenn die kleine Buchhandlung schließen musste und der Weinhändler nebenan offen bleiben durfte, dann hat das auch bisher niemand verstanden. Und es wird Zeit für eine vernünftige Regelung: Wo immer der ausreichende Abstand zwischen den Kunden und zum Personal gewährleistet ist, so heißt es in der Empfehlung der Leopoldina, sollen Geschäfte und auch Gastronomiebetriebe wieder öffnen dürfen. Auch den Publikumsverkehr auf Ämtern und Behörden kann man so gestalten, dass es eine Alternative gibt zum absoluten Shutdown.

Pflicht zum Abstand halten nicht so präsent

Und die Schulen? Hier plädieren die Wissenschaftler tatsächlich dafür, zuerst die Grundschulen und die Klassen der Sekundarstufe I wieder zu öffnen - also ausgerechnet die Altersklassen, die schwerer steuerbar sind, denen das Corona-Risiko und die Pflicht zum Abstand halten nicht so präsent sein dürfte wie älteren Jugendlichen. Das ist ein gewagter Schritt.

Fast zynisch klingt es, wenn sie gleichzeitig die vorbeugende Isolation besonders gefährdeter alter Menschen als "bevormundend" ablehnen. Der Schutz des Lebens ist aber nicht abwägbar gegen die Interessen einer Folgegeneration. Der Enkel kann das Bruchrechnen auch ein paar Monate später üben, wenn dafür der Großvater noch Jahre leben darf.

Kommentar: Leopoldina - ein Fahrplan Richtung Normalität
Lothar lenz, ARD Berlin
13.04.2020 17:18 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 13. April 2020 um 18:05 Uhr im "Echo des Tages".

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