Kommentar

Das Kreuz in bayerischen Behörden Ein Symbol als Auftrag

Stand: 24.04.2018 22:12 Uhr

Bayerns Ministerpräsident Söder will ein Kreuz in jeder Behörde. Doch das Kruzifix ist mehr als Folklore: eine Verpflichtung zu christlichen Werten und eine Absage an Abgrenzung.

Ein Kommentar von Tilman Kleinjung, BR

Markus Söder macht es sich zu einfach, wenn er das Kreuz als "Bekenntnis zur Identität" und zur "christlich-abendländischen Prägung" Bayerns verkauft: das Kruzifix als folkloristisches Utensil wie der Gamsbart und der Zwiebelturm.

Nein, das Kreuz ist kein bloßes Identitätsmerkmal, kein religionsneutrales Symbol. Es steht für etwas, es hat eine Botschaft, die vielen Menschen heute sperrig vorkommt, kaum mehr vermittelbar ist. Da geht es um Opfer, um Sünden und Vergebung. Das kann man nicht weichspülen nach dem Motto: "Das gehört halt zu Bayern dazu."

Verpflichtung - oder hohler Symbolismus?

Das kann man vor allem nicht ignorieren. Wenn ab dem 1. Juni in allen bayerischen Behörden Kreuze hängen, dann wird damit ein Auftrag formuliert. Die, die in diesen Behörden arbeiten und die, die als Politiker für diese Behörden verantwortlich sind, müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sich denn ihr Tun und Handeln an den christlichen Werten orientiert, für die das Kreuz steht: Nächstenliebe, Fürsorge, Anwaltschaft für die Schwächsten, Feindesliebe.

Wenn Markus Söder das mit dem Kreuz ernst meint, dann müssen diese Prinzipien auch zum Maßstab in der Flüchtlings-, der Sozial- oder der Bildungspolitik werden. Ansonsten ist die ganze Aktion hohler Symbolismus. Und der Verdacht drängt sich auf, dass etwas ganz anderes mit dem Kreuz-Zwang bezweckt wird.

Ausschluss statt Identität

Vielen, die in diesen Tagen die christlich-abendländische Prägung Bayerns und Deutschlands beschwören, geht es doch gar nicht um die an sich wünschenswerte Suche nach der eigenen Identität, nach den eigenen Wurzeln, sondern um ein Ausschlussverfahren: "Wir schon, ihr nicht." Diese Abgrenzungsrhetorik gipfelt in dem Diktum von Horst Seehofer: "Der Islam gehört nicht zu Deutschland."

Das Kreuz, dem künftig jeder Besucher einer bayerischen Behörde begegnet, versinnbildlicht diese politische Marschrichtung. Das mag dem Wahlkampf geschuldet sein und der Sorge, das Thema "Identität" an die Rechtsaußen-Konkurrenz von der AfD zu verlieren.

Mit Religion und Christentum hat das aber nichts zu tun. Und schon gar nichts mit der Wirklichkeit: Wir leben in einem Land, dessen Bürger zum Großteil religiös unmusikalisch sind. Wenn die auf einmal den christlich-abendländischen Kanon anstimmen, dann kann das nur schief klingen.

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 24. April 2018 um 17:15 Uhr.

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