Kommentar

Drohung von Trump Der entfesselte Präsident

Stand: 12.04.2018 08:45 Uhr

Der US-Präsident hat alle kritischen Berater ausgetauscht und folgt seinem Instinkt. Russland mit einem Raketenangriff zu drohen, ist ungeheuerlich. Sein Motiv hat wenig mit Syrien zu tun.

Ein Kommentar von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

In diesen Tagen ist ein neuer US-Präsident zu erleben: Die amerikanischen Medien sprechen von "Donald Trump unleashed" - der entfesselte Trump. Die vernünftigen Berater in seinem Umfeld hat er entlassen, oder sie sind entnervt von sich aus gegangen. Die Nachfolger hat Trump so ausgesucht, dass sie seine Meinung bestärken statt zu widersprechen.

Trump ist überzeugt, dass er erfolgreicher ist, wenn er seinen Instinkten folgt statt auf mahnende Berater in seinem Umfeld zu hören. Nur so ist seine ungeheuerliche Drohung per Twitter zu erklären: "Mach Dich bereit Russland. Denn die Raketen werden kommen: hübsch, neu und intelligent!"

Tweet von der Bettkante mit neuer Qualität

Zwar hat Trump immer schon fragwürdige Twitter-Botschaften frühmorgens von der Bettkante aus verschickt. Aber diese hat eine neue Qualität. Dass ein Präsident und Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte einer anderen Atommacht eben mal per Twitter mit Raketenangriffen droht, kann man nicht mehr - wie im Falle der Nordkorea-Tweets - als Verhandlungstaktik erklären. Aus solchen Drohungen entstehen Missverständnisse, die dann schnell zu einem Flächenbrand eskalieren.

Der US-Präsident handelt nicht nur unverantwortlich. Er tut damit auch genau das, was er seinem Amtsvorgänger Barack Obama immer wieder vorgeworfen hat: militärische Schritte vorher anzukündigen.

Der Vergeltungsschlag wird kommen

Verteidigungsminister James Mattis wird ebenso schockiert gewesen sein über die Äußerungen seines Präsidenten wie führende Politiker im Kongress. Mattis ist unter Hochdruck dabei, einen militärischen Vergeltungsschlag gegen den syrischen Diktator vorzubereiten - und zwar in Abstimmung mit Frankreich, England und anderen Verbündeten.

Dieser Vergeltungsschlag wird kommen. Darüber herrscht in Washington seit Tagen kein Zweifel mehr. Allerdings ist damit - und auch das ist typisch Trump - keinerlei Strategie für Syrien verbunden. Im Gegenteil: Noch vor gut einer Woche hatte Trump - ebenfalls ohne Abstimmung mit seinem Verteidigungsminister - angekündigt, er werde die US-Soldaten aus Syrien abziehen.

Ablenkungsmanöver nach Razzia bei Trump-Anwalt

Hinter Trumps Rundumschlägen steckt jedoch auch ein innenpolitisches Motiv: die Russland-Untersuchungen von Sonderermittler Robert Mueller. Ein Militärschlag in Syrien kann von den ständigen Berichten in Sachen Russland-Connection ablenken. Denn nach der Razzia bei seinem persönlichen Anwalt muss Trump befürchten, dass in den beschlagnahmten Unterlagen unliebsame Dinge auftauchen.

Immer wieder wurde dem US-Präsidenten vorgeworfen, er sei Russland und dessen Präsident Wladimir Putin gegenüber viel zu nachgiebig. Die Gefahr ist nun, dass Trump überkompensieren will, um zu zeigen, dass er nicht mit Putin unter einer Decke steckt und Russland gegenüber Härte zeigen kann.  

Der entfesselte Trump: Kommentar zu Syrien und Russland
Martin Ganslmeier, ARD Washington
12.04.2018 08:06 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 11. April 2018 um 22:15 Uhr.

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