Kommentar

Neues Buch über das Weiße Haus Wann empört sich Amerika?

Stand: 06.09.2018 03:00 Uhr

Diverse Enthüllungsbücher über die Vorgänge im Weißen Haus sind in den vergangenen Monaten veröffentlicht worden. Geschadet haben sie US-Präsident Trump kaum. Beim neuesten Buch könnte das allerdings anders aussehen.

Ein Kommentar von Martin Ganslmeier

Ein US-Präsident hat vor allem die Aufgabe, die amerikanische Verfassung "nach besten Kräften zu wahren, zu schützen und zu verteidigen", wie es im Amtseid heißt. Aus den nun vorab veröffentlichten Auszügen von Bob Woodwards Enthüllungsbuch wird das genaue Gegenteil deutlich: Das engste Umfeld von US-Präsident Trump versucht nach besten Kräften zu verhindern, dass dieser Präsident Schaden für sein Land und die Welt anrichtet. Da muss einem angst und bange werden, was der Titel des Buches ja auch treffend auf den Punkt bringt: "Angst - Trump im Weißen Haus". Zumal sich Trump selbst und sein Land stets als Opfer sieht: Er ist überzeugt, dass fast alle ihn und Amerika schlecht behandeln.

Ähnliche Schilderungen über Chaos und Intrigen in Trumps Weißem Haus hat Michael Wolff in seinem Buch "Fire and Fury" veröffentlicht. Und kürzlich Trumps einstige Vorzeige-Afroamerikanerin Omarosa Manigault in ihrem Buch "Unhinged". Während diese Bücher jedoch aufgrund von Fehlern und Ungenauigkeiten angreifbar waren, gilt Bob Woodward als einer der besten und gewissenhaftesten Journalisten Amerikas. Mit seinen akribisch abgesicherten Recherchen hat Woodward nicht nur in der Watergate-Affäre den früheren Präsidenten Richard Nixon zu Fall gebracht. Woodward wurde mit zwei Pulitzer-Preisen und zahlreichen anderen Auszeichnungen geehrt. Auch unter konservativen Republikanern gilt er als glaubwürdig und zuverlässig.

Wie viel politischen Schaden kann das Buch anrichten?

Auf die gestern noch hastig von Trump über Twitter verbreiteten Dementis antwortete Woodward nur knapp: Er stehe zu jeder seiner Aussagen im Buch. Dem Autor kann man getrost mehr Glauben schenken als Trumps Tweets. Allerdings muss man befürchten, dass der Zorn des Präsidenten nun auch die beiden letzten in seinem Umfeld trifft, auf die er noch hört: die beiden Generäle Stabschef John Kelly und Verteidigungsminister James Mattis.

Die entscheidende Frage aber lautet zwei Monate vor den Kongresswahlen: Werden die haarsträubenden Schilderungen dieses besonders glaubwürdigen Journalisten Trump politisch schaden? Werden die amerikanischen Wähler endlich aufwachen und sich stärker als bisher von ihrem Präsidenten distanzieren? 

Die bisherigen Enthüllungsbücher haben die politische Stimmung im Land so gut wie gar nicht beeinflusst. Knapp 30 Prozent der amerikanischen Wähler bezeichnen sich als Republikaner. Sie stehen bislang mit großer Mehrheit hinter Trump. Weitere 30 Prozent sind Demokraten. Wahlentscheidend sind die 40 Prozent unabhängigen Wähler in der Mitte.

Demokraten aktuell im Aufwind

Aufgrund der guten Wirtschaftslage in den USA und angesichts boomender Aktienkurse war ein erstaunlich großer Teil von ihnen bisher bereit, über Trumps Charakter und das Chaos im Weißen Haus hinwegzusehen. Außenpolitik spielt ohnehin keine große Rolle.

Während die Umfragewerte für Trump bis Juni auf 43 Prozent anstiegen, fiel die Zustimmung in den Sommerwochen wieder zurück auf 40 Prozent. 55 Prozent der befragten Wähler sehen Trumps Arbeit negativ. Zwei Monate vor den Kongresswahlen sind die Demokraten im Aufwind, zumal ihre Basis diesmal hochmotiviert ist, zur Wahl zu gehen. In diesem Umfeld könnte Woodwards Buch mehr bewirken als die bisherigen Enthüllungsbücher.

 

Woodward-Buch – wann empört sich Amerika
Martin Ganslmeier, ARD Washington
06.09.2018 00:03 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 05. September 2018 um 17:08 Uhr.

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