Kardinal Reinhard Marx gibt im Innenhof seiner Residenz ein Statement vor Pressemikrofonen ab.  | AFP
Kommentar

Marx' Rücktrittsgesuch abgelehnt Er muss weitermachen - ob er will oder nicht

Stand: 10.06.2021 20:03 Uhr

Mit seinem Brief macht der Papst klar, dass Kardinal Marx nicht vor dem Missbrauchsskandal davonlaufen kann. Marx muss nun echte Reformen einleiten.

Ein Kommentar von Tilmann Kleinjung, BR

Papst Franziskus hat ein Wort dick unterstrichen in seinem Brief an Reinhard Marx: Reform. Die zwei sind sich also einig. Ohne Reformen geht es nicht weiter. Auch die Analyse teilt der Papst mit dem rücktrittswilligen Kirchenmann aus München. Die gesamte Kirche steckt in der Krise.

Tilmann Kleinjung

Marx hat das in seinem Rücktrittsgesuch noch drastischer formuliert; er sprach vom "toten Punkt". Den muss er nun überwinden, denn gegen die ausdrückliche Bitte des Papstes gibt es keine Berufungsinstanz. Marx muss weitermachen, ob er will oder nicht. Er sei ja nicht amtsmüde, hat er betont.

Der Papst bleibt im Vagen

Den Beweis dafür muss er nun antreten - künftig als ein Kardinal, den der Papst für unverzichtbar hält und dessen Kurs er ausdrücklich unterstützt. "Mach weiter, so wie Du es vorschlägst." Mit diesen Worten verleiht Franziskus Kardinal Marx eine Art Sondervollmacht, nach dem Motto: "Das ist der, den der Papst unbedingt an seiner Seite haben will."

Als Erzbischof in einem der wichtigsten Bistümer der Weltkirche, als Berater bei der Neuordnung der Kurie - und auch als Reformer. Nur von Reformen reden, genügt nicht, schreibt Franziskus an Marx. Das könnte allerdings auch für ihn selbst gelten, denn was sich konkret in der Kirche ändern soll, da bleibt der Papst auch in seiner sehr privat gehaltenen Antwort an "Bruder" Marx im Vagen.

Vergebliche Versuche zur Veränderung

Wie so oft. Reformer und Konservative können sich in diesem Brief aus Rom beide bestätigt sehen. Schließlich ruft der Papst ja auch den Erzbischof von München und Freising zur Ordnung. Reformen werden von Männern und Frauen durchgeführt, schreibt er, die bereit sind, sich auch selbst reformieren zu lassen. Das kann man auch lesen als: Auch Du kannst vor dem Missbrauchsskandal nicht davonlaufen.

Für Marx ist die päpstliche Ablehnung seines Rücktrittsgesuchs eine Überraschung, vermutlich auch eine schwere Enttäuschung. Er könne jetzt nicht zur Tagesordnung übergehen, lässt er mitteilen. Das ist nur zu verständlich. Er hatte schließlich andere Pläne und wohl in gewisser Weise "die Nase voll": Von den vergeblichen Versuchen, die Kirche zu verändern, wirklich Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal zu ziehen. Die Stoppschilder und Diskursverweigerung von Kollegen und dazu der massive Druck von der Basis.

Neue Bedeutung in der Kurie

Das zehrt an den Kräften. Und genau die braucht nun Marx, wenn dieser erzwungene Rücktritt vom Rücktritt zu etwas gut sein soll. Er hat den "Synodalen Weg", also einen Dialogprozess über die Zukunft der deutschen Kirche, mit initiiert. Mit seinem Rückzug wäre das ganze Projekt gefährdet gewesen. Jetzt könnte er sich wieder in die Reformarbeit stürzen - und das sogar mit dem Segen des Papstes.

Als einer der päpstlichen Berater bei der Kurienreform könnte er mit dafür sorgen, dass die katholische Kirche weniger zentralistisch und pluraler wird. Seine Stimme dürfte nun auch in Rom neues Gewicht haben.

Marx muss sich für eine schonungslose Aufarbeitung des Missbrauchsskandals einsetzen und damit ein Vorbild sein für viele Bischöfe, die bislang noch nicht einmal auf den Gedanken gekommen sind, ihren Rücktritt anzubieten.  

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Juni 2021 um 20:00 Uhr.