Kommentar

Hand des Papstes in Auschwitz

Schweigen beim Besuch in Auschwitz Ein starkes Zeichen des Papstes

Stand: 29.07.2016 20:19 Uhr

Mit seinem lauten Schweigen in Auschwitz hat Papst Franziskus mehr zum Ausdruck gebracht als mit jeder Rede. Um gegen millionenfachen Mord aufzuschreien, bedarf es keiner Worte. Wie der Papst der Opfer gedachte, war beispiellos.

Ein Kommentar von Henryk Jarczyk, ARD-Studio Warschau

Manchmal versagt einem die Stimme. Manchmal möchte man angesichts einer besonders grausamen Situation einfach nur schweigen. Still, in sich gekehrt nachdenken und damit ein Zeichen setzten. Zeigen, dass man auch schweigend Ergriffenheit und Entsetzen manifestieren kann. Papst Franziskus hat ein entsprechendes Zeichen gesetzt. Und was für eines. Sein lautes Schweigen hat weitaus mehr zum Ausdruck gebracht als jedwede hier gehaltene Rede.

Auschwitz ist und bleibt das größte Massengrab der Menschheit. Um gegen den hier verübten millionenfachen Mord aufzuschreien, bedarf es keiner Worte. Wer jemals in Auschwitz war, weiß das. Was zählt, sind nicht Stellungnahmen und Kommentare am diesem Ort des unfassbaren Leids. Was zählt, sind Taten außerhalb des Konzentrationslagergeländes. Und genau das fordert Franziskus auch. Sein unmissverständlicher Appell an die polnische Regierung, Flüchtlinge aufzunehmen, ist da nur ein Beispiel von vielen.

Johannes Paul II. wagte in Auschwitz richtigen Schritt

Die Tatsache, dass Johannes Paul II. als erster Papst überhaupt Auschwitz besuchte und dort eine Messe zelebrierte, war ein gewagter, aber in seiner Art auch richtiger Schritt. Schließlich kam Johannes Paul II. in das Vernichtungslager als einer aus dem Land der Opfer.

Auch Benedikt XVI. - der Papst aus dem Land der Täter - wollte in Auschwitz und Birkenau nicht schweigen. Zu groß erschien ihm offenbar die Gefahr, dies könnte ihm Kritik einbringen. Und dennoch rief seine Rede gemischte Reaktionen hervor. Zumal der deutsche Papst mit seiner Bemerkung "Eine Schar von Verbrechern habe das deutsche Volk missbraucht" nach Ansicht von Kritikern die Schuldfrage seiner Landsleute zu relativieren suchte. Außerdem handelte sich Benedikt den berechtigten Vorwurf ein, nichts zum katholischen Antisemitismus gesagt zu haben. Stattdessen fragte der damalige Papst "weshalb Gott geschwiegen habe".

Franziskus' Art des Gedenkens ist beispiellos

Es spielt keine Rolle, ob Papst Franziskus ähnliche Stellungnahmen vermeiden wollte, wie einige behaupten, oder aus Überzeugung handelte. Eben davon ausgehend, dass Schweigen mehr ausdrücken kann als noch so wohlüberlegte Sätze. Die Art und Weise, wie er in Auschwitz und Birkenau letztendlich damit aller Opfer von Unrecht und Gewalt gedachte, ist beispiellos. Seine Ergriffenheit wirkt umso authentischer. Was wiederum etwa seiner Aufforderung, Flüchtlingen zu helfen, zusätzlich Nachdruck verleiht. Damit eben eines Tages uns allen nicht die Stimme versagt, wenn das Mittelmeer plötzlich zum größten Friedhof der Menschheit werden sollte.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Juli 2016 um 20:00 Uhr.

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