Kommentar

Merkels Corona-Moment Die unmerkelig drastische Kanzlerin

Stand: 19.03.2020 11:04 Uhr

"Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst", sagte Merkel in ihrer ersten TV-Botschaft jenseits der Neujahrsansprache. Mehr Dramatik aus dem Mund der Krisenkanzlerin geht nicht.

Ein Kommentar von Georg Schwarte

"Wir müssen zeigen, dass wir herzlich und vernünftig handeln, um so Leben zu retten." Es ist ein Merkel-Satz der besonderen, der historischen Art. Es sind ja auch besondere, historische Zeiten gerade. "Denn es ist ernst", sagt die Kanzlerin. Und wenn Angela Merkel "ernst" sagt, dann ist es das wohl.

Es geht um Leben. Um nicht weniger. Die Frau, die Physikerin der Macht, die nüchternen Pragmatismus so viel mehr schätzt als die dramatische Pose, die mit Vernunft kalkuliert, wo andere mit Emotionen spielen, spricht von einer historischen Aufgabe, die nur gemeinsam zu bewältigen sei.

Die größten Ignoranten müssen verstehen

Jeder irrlichternde Ichling, der weder Rücksicht noch Einsicht kennt, der weiter Hände schüttelt und Coronapartys feiert, sollte jetzt genau hinhören: Keine Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg war größer. Aus dem Munde der sonst so sedierend sachlichen Kanzlerin rückt das die Corona-Perspektive auch für die größten Ignoranten zurecht.

Fast 15 Jahre nun regiert diese Kanzlerin. Noch nie wandte sie sich jenseits der Neujahrsansprache direkt per Fernsehbotschaft an die Nation. Jetzt also scheint das Virus auch das notwendig zu machen.

Schröder tat es zum Beginn des Irak-Krieges, Kohl zur Währungsunion, Schmidt nach der Schleyer-Entführung, Brandt nach dem Kniefall in Warschau - jetzt also Merkel zur Corona-Krise.

Vernunft oder Ausgangssperre

Es war der Appell eines Vernunftmenschen an die Vernunft der anderen. "Ich appelliere an Sie. Halten sie sich an die Regeln", sagt Merkel. Aber es ist längst keine Bitte mehr. Danach nämlich kommt nur noch die Ausgangssperre.

Die nüchterne Krisenkanzlerin formuliert es unmerkelig drastisch. Es sei existenziell, das öffentliche Leben herunterzufahren. Existenziell.

Corona - eine neue Dimension

Mehr Dramatik aus Merkelmund geht nicht. Die Kanzlerin hat die Banken, die Eurokrise und die aufwühlenden Flüchtlingszeiten erlebt. Corona aber ist offenbar auch für sie eine neue Dimension. Und sie ist ernst - der Ausgang offen. Die Kanzlerin jedenfalls ist da und tut, was eine Krisenkanzlerin tun muss. Ruhig führen.

Und sie gibt ein großes Versprechen dieser Regierung: Wir können und werden alles einsetzen, um Unternehmen und Arbeitnehmern durch diese schwere Prüfung zu helfen.

Merkel die Trost- und Sorgekanzlerin, Sie dankt den Pflegern, den Ärzten für ihre gewaltige Leistung, den Menschen hinter der Supermarktkasse. Dafür, so die Kanzlerin, dass sie den Laden am Laufen halten. Merkel hält in Berlin ihren Laden am Laufen.

Wir sollten Merkel ernst nehmen

Corona und die diffuse Angst - es gibt zur Stunde kaum bessere Gegenmittel als die nüchterne Naturwissenschaftlerin Angela Merkel. Das Land jedenfalls erlebt historische Zeiten. Und die Kanzlerin die größte Prüfung ihrer Kanzlerschaft.

"Passen sie gut auf sich und ihre Liebsten auf", sagt sie uns allen. Wir alle sollten die Kanzlerin sehr ernst nehmen.

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 19. März 2020 um 07:50 Uhr.

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