Bundeskanzlerin Angela Merkel | AFP
Kommentar

Merkels letzte Sommerpressekonferenz Das muss ihr erstmal einer nachmachen

Stand: 22.07.2021 19:48 Uhr

Merkels Auftritt bei der jährlichen Sommerpressekonferenz in Berlin zeigt einmal mehr: Die Fußstapfen, die sie hinterlässt, sind groß - trotz ihrer nicht immer wegweisenden Politik.

Ein Kommentar von Franka Welz, ARD Hauptstadtstudio

Angela Merkel wird fehlen. Nicht unbedingt, weil sie jederzeit wegweisende Politik gemacht hätte, sondern weil sie über die Tugenden verfügt, die jede und jeder mit Ambitionen aufs Kanzleramt mitbringen sollte.

Franka Welz ARD-Hauptstadtstudio

Erstens: Mit wissenschaftlichem Verstand ausreichend ausgerüstet - so Merkel über Merkel - um zu erkennen, ob ein Politikansatz ausreicht, um notwendige Ziele zu erreichen. Mit Blick auf den Kampf gegen den Klimawandel urteilt die Wissenschaftlerin kühl: Es reicht nicht, und es geht nicht schnell genug.

Neben der Fähigkeit zu Analyse und Nachdenklichkeit zweitens: Ehrlichkeit und die Souveränität, die eigene Meinung auch begründet zu ändern. Das hat Merkel nach der Atomkatastrophe von Fukushima im Jahr 2011 getan, als sie die Abkehr von der Atomenergie und damit die Energiewende einleitete.

Der Merkel-Skandal ist ausgeblieben

Drittens - ganz wichtig - Trittsicherheit. In all den Jahren im Amt ist der große Merkel-Skandal ausgeblieben und das bestimmt nicht, weil niemand danach gesucht hätte. Sie hat nie versucht, sich größer zu machen, als sie ist, sondern ist mit ihren Aufgaben gewachsen. Witze über Toiletten für das dritte Geschlecht oder im unpassendsten aller möglichen Momente für alle sichtbar herzhaft zu lachen, wäre einer Angela Merkel nie passiert, ist ihr nie passiert und wird ihr aller Voraussicht nach auch nie passieren.

Viertens: Menschlichkeit und Empathie. Zu Merkels uneitler, nüchterner, wissenschaftlicher Vorgehensweise ist gerade angesichts der jüngsten Krisen, die das Land getroffen haben, diese weitere Dimension hinzugekommen. Merkel menschelt nicht, sie handelt zutiefst menschlich, zeigt Interesse, Mitgefühl und Respekt für diejenigen, die sie trifft.

Zuletzt bei ihren Besuchen in den von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Gebieten, davor auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie. Als die oft so spröde wirkende Bundeskanzlerin offen zeigte, wie nahe ihr das durch die Krise verursachte Leid ging.

Gespür für gesellschaftliche Mehrheiten

Auch 2015, als sie angesichts des humanitären Elends in Ungarn gestrandete Menschen ohne Wenn und Aber in Deutschland aufnahm. Obwohl sie wissen musste, dass sie damit innenpolitisch ein Risiko einging und auch in ihrer eigenen Partei vielen unwohl mit dieser Entscheidung war, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Charakter, Punkt fünf, hat Merkel auch im Umgang mit den Koalitionspartnern bewiesen. Anstatt die anderen um jeden Preis zu dominieren oder zu demütigen, hat sie Raum gegeben und oft ein Gespür für gesellschaftliche Mehrheiten bewiesen. Stichwort Ehe für alle - hier hat Merkel sich nicht gegen etwas gesperrt, nur weil es nicht ihrer eigenen Überzeugung entsprach, sondern stattdessen Größe gezeigt.

Das alles müssen die, die sie beerben wollen, ihr erst einmal nachmachen. Die Schritte ihrer Politik mögen einigen oft zu klein gewesen sein, aber die Fußstapfen, die Merkel hinterlässt, sind riesig.

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 22. Juli 2021 um 17:09 Uhr.